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Programmheft der Evangelischen Erwachsenenbildung

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Christentum ist Beziehungsarbeit - Interview mit Arnd Brummer, Chefredakteur des "chrismon"-Magazins

Arnd Brummer, * 1957, Chefredakteur des Monatsmagazins "chrismon", ist in Konstanz aufgewachsen. Im vergangenen Jahr kam sein Buch "Unter Ketzern. Warum ich evangelisch bin" in der edition chrismon heraus und sorgte unmittelbar vor dem Papstbesuch für Aufregung im ökumenischen Milieu. Er schildert darin seinen langen Weg von einer Kindheit im katholischen Umfeld zu der bewußten Hinwendung und Entscheidung für die Evangelische Kirche. Arnd Brummer ist auch bekannt durch die Aktion "7 Wochen ohne", die dieses Jahr unter dem Motto "Ohne falschen Ehrgeiz" steht. Im Gespräch mit Minne Bley äußert er sich zu verschiedenen Aspekten des Christentum und des christlichen Glaubens.

Was raten Sie einem Katholiken, der seine Kirche liebt und ebenso unter ihr leidet, wie einst Sie?

Da kann man nicht raten. Es gibt Leute, in meinem Bekanntenkreis, die sagen, dass sie nicht ohne katholische Liturgie, ohne Eucharistie, ohne Weihrauch sein können. Andere machen es wie ich: sie konvertieren. Ich kenne einen Religionslehrer aus dem Rheingau, der ist im Oktober nach 35 Jahren Lehrtätigkeit aus der katholischen Kirche aus- und in die evangelische Kirche eingetreten.

Heimat.....

Heimat ist eine Sache der Wahrnehmung und der Selbstwahrnehmung. Glaube ist eine Sache der Selbstwahrnehmung und der Wahrnehmung Gottes. Das kann man nicht objektivieren, das muss man dem Subjekt lassen. Das ist letztendlich auch die Erkenntnis der Reformation: Glaube ist eine höchstpersönliche Beziehungsarbeit. Es gibt Leute, die sagen: Ich brauche das Zeichen. Denen geht das Herz auf, wenn sie einen Posaunenchor hören (Evangelische) oder wenn sie Weihrauch riechen (Katholische). Dann gibt es solche, die wenige oder gar keine Zeichen brauchen. Zu denen gehöre ich. Ich bin sozusagen mystisch unmusikalisch. Für mich sind das Wort, die Geschichten in der Bibel entscheidend, die Haltung dieses Wanderrabbiners Jesus mit seiner befreienden Botschaft von der Liebe Gottes...

Gottesdienst....

Gottesdienst ist für mich so etwas wie eine seelische Tankstelle. Ich fülle meinen Tank in der Besinnung auf die Botschaft. Und: Wir Gottesdienstbesucher vergewissern uns und einander, dass wir aus derselben Quelle schöpfen, dass wir zu einem Vater beten, von dem wir glauben, dass er uns gnädig sein wird. Dann gehen wir mit frisch gefülltem Tank wieder raus in den Alltag und verströmen dort unsere Kraft. Für manche ist der Gottesdienst, die Messe, die Eucharistie der Ausweis christlicher Existenz. Für mich bewährt sich Christsein im Alltag. Der evangelische Gottesdienst hat für mich Kraft, wenn ich merke, dass wir eine Gemeinschaft Gleichwertiger sind im Sinne des Priestertums aller Glaubenden. Ich mag nicht Publikum sein für einen handelnden Priester, wie ich es bisweilen in katholischen Messen erlebt habe.

Wunder...

Ich glaube nicht an durch Gebete herbei rufbare Wunder. Das habe ich schon mit zehn oder elf Jahren nicht getan. Andererseits: Wenn etwas geschieht, was unseren Verstand übersteigt, wie soll man das nennen? Gut: Sagen wir Wunder!

Ökumene...

Christentum ist Beziehungsarbeit – in der Beziehung zu Gott und in der Beziehung der Menschen untereinander. Eines ist vom anderen nicht zu lösen. Die reine Gottesbeziehung ohne Bewährung im menschlichen Miteinander ist für Jesus unmöglich. Das Einhalten des religiösen Gesetzes macht uns nicht zu besseren Menschen gemäß dem Bibelwort "Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbat willen" (Markus 2, 27), da muss man kein Gesetz beachten.

Aber was ist mit "Bis Himmel und Erde vergehen, wird nicht vergehen der kleinste Buchstabe noch ein Tüpfelchen vom Gesetz"(Matthäus 5, 18)?

Dem halte ich Paulus, Galaterbrief, 3,13 entgegen: " Christus aber hat uns von dem Fluch des Gesetzes losgekauft." Oder Galaterbrief 5,6: "Denn in Christus Jesus vermag weder Beschneidung noch Vorhaut etwas, sondern nur Glaube, der sich durch Liebe wirksam erweist."

Für manche Menschen sind Glaubenspraktiken und Rituale wichtige Zeichen. Aber sie entscheiden nicht über die Qualität religiöser und menschlicher Existenz. Das tun Liebe, Glaube und Hoffnung. Doch um es klar zu sagen: Die Verschiedenheiten der Menschen muss man akzeptieren. Leute, die nach Lourdes wandern, Hindus, die in heiligen Flüssen baden – ich kann die Bedeutung, die solche Glaubenspraktiken für andere haben, nicht in Abrede stellen. Ich kann jedoch weder sagen: Wer auf eine Wallfahrt geht, ist näher bei Gott, noch das Gegenteil: Wer nicht pilgert, ist näher bei Gott. Ich kann nur sagen: Für mich haben solche Dinge wenig Bedeutung, ich brauche diese Zeichen nicht. Da halte ich es mit Luther: Wer seine Freunde, seine Familie, seine Nachbarn, Kunden, Kollegen, Geschäftspartner liebt und fair behandelt, muss nicht nach Santiago in Spanien rennen, nach Lourdes oder nach Einsiedeln.

7 Wochen ohne ...

Hinrich Westphal vom ökumenischen Verein "Andere Zeiten" hat vor fast 30 Jahren die Aktion "7 Wochen ohne" ins Leben gerufen. Im Jahr 2005 habe ich das Projekt übernommen und das Konzept erneuert. Wir wollten eine evangelische Fastenaktion, also nicht nur auf Nahrung verzichten oder im Kämmerlein sitzen und Kerzen angucken. Wir wollen eine Fastenzeit, die Raum bietet, unser Verhalten gegenüber anderen zu überprüfen, Raum für Beziehungsarbeit eben. Fasten ist ein altes Wort und bedeutet ursprünglich "festigen, beschließen, sich entschließen", was wir im Englischen noch erkennen ("Fasten your seatbelts", heißt es im Flugzeug - Schließen Sie ihren Sitzgurt!). Fastenzeit bedeutet für uns: manche Fehlhaltungen, die sich eingeschlichen haben, überprüfen und verändern, Prioritäten neu setzen. Was das konkret für die Teilnehmenden der Aktion an Wirkung hat, muss jeder und jede für sich selbst entscheiden können. Unser "7-Wochen-ohne"-Kalender steht jedes Jahr unter einem bestimmten Motto. 2012 lautete es: "7 Wochen ohne falschen Ehrgeiz". Ein anschauliches Beispiel: Wir haben eine Freundin, die wir öfter zum Essen einladen. Es ging darum, sich mal wieder zu sehen. Als wir also ein Treffen verabreden wollten, druckste sie herum und meinte: Ich trau mich gar nicht, Euch zum Essen einzuladen. Ihr kocht doch immer so leckere Menüs. Das kann ich gar nicht, und ich hab auch nicht die Zeit dazu. Also: Wenn es aber darum geht, einander zu begegnen, stört falscher Ehrgeiz. Man kann sich einfach auf ein Glas Wein und ein Stück Käse treffen. Das ist gut genug. Es geht nicht darum, sich gegenseitig in seinen Kochkünsten zu übertrumpfen, sondern miteinander zu reden.

Konzilsjubiläum...

Es ist mir völlig unverständlich, dass in der Lutherdekade hin auf das Reformationsjahr 2017 das Jahr 2015 nicht das Gedenkjahr zur 600. Wiederkehr der Verbrennung des Jan Hus 1415 durch das Konstanzer Konzil ist. Jan Hus war einer der wichtigsten Bezugspunkte für Luthers reformatorische Theologie, sein von ihm selbst geschätzter Vorläufer. Für mich und meine persönliche religiöse Entwicklung (siehe Buch), war und ist er von zentraler Bedeutung.

Andacht Januar 2018

zu 5. Mose 5, 14

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