Andacht Dezember 2016

zu Psalm 130, 6

Psalm 130
1 [Ein Wallfahrtslied] Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir:
2 Herr, höre meine Stimme! Wende dein Ohr mir zu, achte auf mein lautes Flehen!
3 Würdest du, Herr, unsere Sünden beachten, Herr, wer könnte bestehen?
4 Doch bei dir ist Vergebung, damit man in Ehrfurcht dir dient.
5 Ich hoffe auf den Herrn, es hofft meine Seele, ich warte voll Vertrauen auf sein Wort.
6 Meine Seele wartet auf den Herrn mehr als die Wächter auf den Morgen. Mehr als die Wächter auf den Morgen
7 soll der Mensch harren auf den Herrn. Denn beim Herrn ist das Erbarmen, bei ihm ist Erlösung in Fülle.
8 Ja, er wird den Menschen erlösen von all seinen Sünden.

Vielleicht erinnert sich der eine oder andere von an die gute alte Zeit. Man war bei den Pfadfindern und in den Ferien oft auf großer Fahrt. Auf den Lagerfreizeiten wurden die Mitglieder der Gruppe zur Feuer- und Nachtwache eingeteilt. Der Dienst vor Mitternacht war noch ganz angenehm. Man war noch nicht sonderlich müde und die Flammen verbreiteten Licht und Wärme warm. Wer die Wache in den Nachtstunden inne hatte konnte sich wenigstens noch an der Restglut die Hände wärmen und den herrlichen Sternenhimmel beobachten. Die Wache im Morgengrauen jedoch war das Grauen, sie war bei Weitem die anstrengendste Wache. Das große Lagerfeuer war zu einem kleinen Hufen Glut zerfallen. Als Wächter musste man aufpassen, dass die Glut nicht erlosch. Der kalte Morgennebel über den Wiesen kroch in die vom Schlafsack noch warmen Glieder und ließ sie steif werden. Die Sterne waren am Verblassen. Doch bis die Sonne aufging und ihre wärmenden Strahlen über den Horizont schickte und den Lagerplatz wieder erwärmte – diese beiden Stunden am Morgen schien immer eine Ewigkeit zu dauern. Wie sehr sehnten wir uns den neuen Tag mit all seinem hellen Licht herbei. Wir waren voll der Vorfreude auf den heißen Café und auf die schönen Ereignisse, die wir im Lagerleben bald erleben durften.
Meine Seele wartet auf den Herrn mehr als die Wächter auf den Morgen.
Mehr noch als die Wächter am Feuer oder auf der Stadtmauer (um in dem alten Bild zu bleiben) auf den Morgen warten – mehr noch wartet die Seele eines verzagten Menschen auf Gott.
In diesen Verszeilen des Psalms kommt die Not einer hilflosen Menschenseele zum Ausdruck. Wer nachts nicht schlafen kann, sehnt sich nach dem ersten Lichtstreif des neuen Tages. Viele kennen das: Man kann sich am Abend beim Einschlafen noch so sehr vornehmen, durchzuschlafen, nicht den Kopf zu zermartern… Aber wenn man nachts aufwacht und merkt wie die Gedanken beginnen sich im Kreis zu drehen.. Wenn die Sorgen, die am Tag von den vielen Tagesaufgaben beiseite gedrängt werden plötzlich furchteinflößend als Chimären die Seele bedrängen… Wenn man in Halbschlafphantasien die vielen Probleme zu riesigen Bergen sich auftürmen sieht… Wenn dann noch die Angst den Herzschlag schneller rasen lässt.. Dann zieht man die Decke ganz fest um den Körper und fängt vielleicht an zu verzweifeln. Oder man beginnt zu beten. Ich wünsche jedem von Herzen, dass er Worte wie den alten Psalm 23 findet, mit dem er seiner Seele Ermutigung zuflüstern kann: Der Herr ist mein Hirte..

Wir beten den Psalm leise murmelnd, jeder in seiner Gemütslage.. (Psalm23)

Meine Seele wartet auf Gott den Herrn. In dem Monatsspruch ist nur vom Warten die Rede. Die Verse davor und danach sind m. E. jedoch die wirklich entscheidenden. Da heißt es: bei Gott ist Vergebung. Bei Gott ist die Hoffnung bei Gott ist die Erlösung.
Aus diesen Verheißungen darf sich die sorgende Seele in der Nacht im Morgengrauen vertrauensvoll an Gott wenden. Die darf sich in ihrer Not Vergebung zusprechen lassen. Gott vergibt alles, was im Leben schief gelaufen ist. Gott vergibt die großen und kleinen Fehler, die uns das Leben so schwer machen.
Gott vergibt die Schuld, die jemand auf seinen Schultern spürt. Die wir oft so lange mit uns herumtragen. Die uns niederdrückt. Gott macht es möglich, dass auch wir lernen vergeben zu können unseren Schuldigern. Damit verliert die Seele eine große Last. Vom Ballast befreit kann sie wieder aufatmen und sich erholen. Wir können es in der Nacht versuchen zu sagen: Ich lasse mir vergeben von Gott – ich vergebe mir – ich vergebe meinem Widersacher.
Aus dieser Vergebung erwächst Hoffnung auf eine neue Zukunft. Man kann eher wieder einschlafen – und man kann Erlösung erfahren. Es ist die Freiheit. Das Lösen von Fesseln, die die Seele gebunden hatten. Die einen festgehalten hatten in altem Denken und in alten Vorstellungen.
Gott erlöst den Betenden zu neuem Leben!
Darauf darf die Seele warten. Sehnsüchtig und zuversichtlich und bereit für das Licht des anbrechenden Tages.
Meine Seele wartet auf den Herrn mehr als die Wächter auf den Morgen.

Einen frohen Dezember!
Ihr
Pfarrer Matthias Stahlmann, Hilzingen

Ergänzende Texte und Lieder:
Ps 23
440, 1-4    All Morgen ist ganz frisch und neu
16, 1+4        Die Nacht ist vorgedrungen
302, 1+6    Du meine Seele singe

Zu Gast bei Luthers