Andacht März 2017

zu 3. Mose 19,32 von

Vor einem grauen Haupt sollst Du aufstehen. Du sollst die Alten ehren. Du sollst Gott die Ehre geben. Denn ich, ich bin dein Gott, der Herr!  3. Mos 19,32

Dieser Monatsspruch erinnert mich an eine Weisung, die ich als Kind von meinen Eltern erhalten habe: Im Bus oder im Zug musste ich den Platz freigeben, wenn ein älterer Mensch das Fahrzeug betrat. Es war eine Frage des Abstands und der Sicherheit für die älteren Personen im schnell anfahrenden Bus. Dieses Leitbild hat mich geprägt, ich habe das Verhalten bis heute beibehalten. Seltsam dabei ist: Während ich aufstehe, um einen alten Menschen im voll besetzen Zug sitzen zu lassen, bleiben die jungen Leute sitzen und hören versonnen Musik.

Zur Zeit des Mose gab es keine öffentlichen Verkehrsmittel. Auch keine Smartphones. Keine Kopfhörer. Aber ignorante Leute und eigenwillige Köpfe hat es wohl auch damals gegeben. Sonst wäre dieser Lehrsatz wohl kaum in die Anweisungen aufgenommen worden, die Mose von Gott in den Gesetzen erhalten hat. Man könnte daraus schließen: Gott sorgt sich um die alt gewordenen Leute. Gott möchte, dass man den Alten respektvoll begegnet.

Es kann immer einmal vorkommen, dass Familien in ihrem Zusammenhalt besonders gefordert sind, wenn der Opa krank, wenn die Oma gebrechlich wird und ihren Haushalt nicht mehr alleine führen kann. Was soll man dann machen? Das ist eine große Frage und fordert schwere Entscheidungen. Kann man die Oma in die junge Familie aufnehmen? Meistens reicht der Wohnraum dafür nicht - und auch die Lebensstile von Jung und Alt sind zu unterschiedlich. Das macht eine verantwortliche Entscheidung nicht leicht.

Manchmal erlebe ich bei Besuchen Familien, denen es gelingt, die schwerkranke Mutter für die letzten Wochen ihres Lebens in einem Zimmer zu Hause unterzubringen und sie auf ihrem Weg zu begleiten. Das ist Herausforderung, Belastung und Segen zugleich. Für alle Familienmitglieder.

Die Großeltern wollen selbst bis ins hohe Alter eigenständig bleiben, sie wollen der Familie nicht 'zur Last fallen'. Die jungen Familien haben mit Beruf der Eltern, den schulischen Belastungen der Kinder, mit der Beziehung und der Familie ihre eigenen Pflichten und Vorstellungen.

Wenn wir heute diesen Lehrsatz aus alter Zeit lesen und versuchen ihn zu deuten, kann er uns möglicherweise eine gute Anregung sein: Ihr lieben jungen Leute! Achtet sorgsam auf die Älteren! Alt wird jeder einmal. Hilfebedürftig kann man durch einen Schicksalsschlag immer werden. Daher: Seid füreinander verantwortlich! Schenkt euch gegenseitig Achtsamkeit und ein bisschen Zeit.

Glücklicherweise stehen heutzutage viele gute Organisationen mit ihren Mitarbeiterinnen den Familien bei der Versorgung der alten Menschen hilfreich zur Seite. Vieles ist gesetzlich geregelt und versicherungsmässig abgesichert. Das entlastet. Es entbindet aber nicht von der Verpflichtung, die Mutter, den Vater auch im Altenwohnheim oder in der Pflegeeinrichtung zu besuchen. Und es wäre schön, wenn es auch in Zukunft wieder zur Sitte werden könnte im Bus aufzustehen, wenn ein alter Mensch das Fahrzeug betritt.

Gott wusste, welche Aufträge er uns zumuten kann. Solche Aufgaben sind hilfreich für das Zusammenleben. Aus Respekt vor der Lebensleistung der Alten! Und vor Gott ein Freude!

Ich wünsche Ihnen eine segensreiche Passionszeit!
Matthias Stahlmann, Pfarrer in Hilzingen