Andacht August 2017

zu Apostelgeschichte 26, 22 von

 

 „Gottes Hilfe habe ich erfahren bis zum heutigen Tag und stehe nun hier und bin sein Zeuge bei Groß und Klein." Apg 26, 22

Viel Reformation 2017. Viele Feiern, viel Bekenntnis – oder?
„Hier stehe ich...Gott helfe mir, Amen.“ Luthers berühmter Satz, spätestens seit diesem Jahr ist er in aller Munde. Oder?

Im  August 17 haben wir nun einen Monatsspruch, der ganz ähnlich klingt:
„Gottes Hilfe habe ich erfahren bis zum heutigen Tag und stehe nun hier und bin sein Zeuge bei Groß und Klein." Der das sagt, steht nicht wie Luther vor dem abendländischen Kaiser in Worms, aber immerhin vor dem jüdischen König Agrippa II. und dem römischen Statthalter Festus in Cäsarea:  Paulus, für den es hier um ähnlich viel geht wie für Luther in Worms. Seit zwei Jahren schon war er da im Gefängnis gewesen; weil er sich als römischer Bürger auf den Kaiser berufen hatte, musste er dem kaiserlichen Gericht in Rom vorgestellt werden und die Sache zog sich hin. Inzwischen (Apg. 21 -26 liest sich wie ein Krimi!) nutzt er jede sich bietende Gelegenheit, um - ja, was?
Vordergründig scheint sich Paulus zu verteidigen – aber jede Verteidigung gerät ihm zur Verkündigung, zum Zeugnis, zum Bekenntnis. Der Römer Festus, als er das hört, hält Paulus schlicht für „von Sinnen“ und meint, er habe einfach viel zu viel in seine (dem Römer suspekten) hebräischen Bücher geschaut.
Anders der König Agrippa, der als Jude trotz seiner römischen Erziehung sehr wohl verstand, worum es ging bei den Vorwürfen der jüdischen Obrigkeit gegen Paulus.
Wie es Lion Feuchtwanger in seiner Josephus-Trilogie nachvollziehbar macht, ging es für die Judenheit (bereits jetzt und erst recht einige Jahre später nach dem jüdischen Krieg und dem Verlust des Tempels) um eine Neuorientierung: Sollte man sich für die Heiden öffnen (und damit unabsehbare Veränderungen in Kauf nehmen) oder aber gegen alles Fremde abschotten, um die eigene Identität zu bewahren?
Dass eine Lehrautorität wie Paulus sich öffnete für diese Christensekte, die er zuvor verfolgt hatte, dass er sich (anders als Petrus) von Anfang an für die Heidenmission entschieden hat – das mussten die Verantwortlichen als brandgefährlich einstufen. Und deshalb war der Streit lebensgefährlich für Paulus.

Der hatte eine zunächst ganz persönliche Gottesbegegnung erfahren, die ihn und seinen Glauben allerdings völlig umgekrempelt hat. Durchaus ähnlich wie Luther. Aber als beide zur Sprache bringen, was sie erlebt haben, geraten sie in die Mühlen der Machtpolitik. Und sehen sich auf einmal in der Situation, dass ihr Glaube keine Privatsache (mehr) ist, sondern, in Zeiten des Wandels, unversehens zu einem Faktor von entscheidender Bedeutung wird für den Fortgang der Menschheits- und Kulturgeschichte.

Unversehens, in Zeiten des Wandels: ja, da kann es geschehen, dass plötzlich etwas auf dem Spiel steht. Dass, wer glaubt, entscheiden muss, ob sie oder er sich öffentlich hinstellt und bekennt, was er erlebt hat mit Gott, was sie verstanden hat vom Evangelium.
In Zeiten des Wandels kann es geschehen, dass mein Glaube nicht mehr Privatsache ist, sondern notwendig bekannt werden muss. Öffentlich, nicht nur in innerkirchlichen Zirkeln.
Ich bin sicher: Wir brauchen das christliche Bekenntnis als (streitbare!) Position für einen gesellschaftlichen Diskurs, in dem alle Beteiligten gemeinsam neue Wege finden müssen, weil die alten nur noch in Sackgassen führen. Heute, unversehens – in Zeiten des Wandels.
       
Pfarrerin Barbara Kündiger, Petrus-und-Paulus-Pfarrei Konstanz

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