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Fenster zum Himmel – Werkstatttag Reformation heute. Wie Kirche neue Wege geht. Erfahrungen und Impulse aus der Church of England.

Manchmal steht der Himmel offen. So auch am Samstag, 4. März in Böhringen. Freundlich, hell und einladend mit offenen Türen hieß die Paul-Gerhardt-Kirche die Besucher willkommen, die gekommen waren, um von neuen Wegen der Kirche zu erfahren.

Am Eingang sitzt Gemeindereferentin Dörthe Sontag und gibt freundlich Hinweise zu Räumlichkeiten, Garderobe und Erfrischungen. Im Foyer stehen Menschen mit Kaffeetassen und sprechen einander zugewandt und lebhaft miteinander. Fast könnte man meinen, es gehe hier zu einer Unterhaltungsveranstaltung. Doch die Besucher des „Werkstatttags Reformation heute“ sind zusammengekommen, um von „neuen Wege“ für die Kirche zu erfahren. Anlässlich des Reformationsjubiläums hatte der Kirchenbezirk Konstanz eingeladen zur Besinnung, wo in unserer Kirche heute Reformen nötig und wünschenswert sind und welche Richtung man dabei einschlagen kann.
Dazu eingeladen wurde ein Vertreter der Church of England, die damit bereits seit den neunziger Jahren Erfahrungen gesammelt hat. Nach sechs Jahren als Suffraganbischof in London ist Paul Williams seit Juli 2015 Jahren Bischof der anglikanischen Diözese in Nottingham. Mit seinen 49 Jahren gehört er zu den jüngsten Bischöfen in seiner Heimatkirche in England. Er berichtete, gab Impulse und konkrete Ratschläge, die eine Erneuerung in der Church of England brachten und immer noch bringen.

„Öffne unsere Herzen und unseren Verstand“ betete Pfarrer Markus Weimer zum Eingang mit den rund 100 Personen aller Alterstufen, die sich eingefunden hatten. „In der Church of England gibt es vier teils sehr verschiedene theologische Strömungen (evangelicals, charismatics, liberal mainstream, anglocatholicdiese Strömungen sind nicht deckungsgleich mit den ähnlich lautenden „Flügeln“ in der evangelischen Kirche Deutschlands; deshalb wurden die englischen Begriffe beibehalten – Anm. d. Verf.)“, so Weimer in seiner Einführung, „und doch hat diese Kirche einen Zusammenhalt, den ich manchmal bei uns vermisse.“ Toleranz und gegenseitige Wertschätzung scheinen die Zutaten zu sein, die dieses Miteinander statt Nebeneinander möglich machen.
Pfarrer Hanns Wolfsberger aus der Württembergischen Landeskirche stimmte mit dem selbstgemachten Lobpreislied „Spiel mir ein Lied und lass mein Herz wieder tanzen“ auf den ersten Teil von Paul Williams Ausführungen ein.



„Was wir aus England lernen können - Reformen innerhalb der Church of England“
Zunächst referierte Williams die Geschichte der Erneuerungsbewegung in der anglikanischen Kirche in den vergangenen zwanzig Jahren. Noch im Jahr 2000 habe eine bedeutende überregionale Zeitung getitelt: „Gott ist tot. Organisierte Religion ist bald eine Sache der Vergangenheit.“ Zehn Jahre später war im gleichen Blatt zu lesen: „Gott ist zurück.“ Inzwischen hatte es Gemeindeneugründungen in der Staatskirche gegeben, die eingeschworene Atheisten große Augen machen ließ. „Religion wird die Zukunft genauso prägen, wie sie die Vergangenheit geprägt hat.“, sagte Williams und hob den Blick der versammelten Zuhörerschaft weit über unser eigenes Leben hinaus. „Ich bringe Euch keine Erfolgsmodelle, aber das, was ich gelernt habe auf diesem Weg“, dämpfte der 49-jährige allzu hochfliegende Erwartungen an den Erneuerungstag in der Region Konstanz.  Wichtig sei dazu, eine Leidenschaft für Jesus Christus. Nicht um die Institution Kirche am Leben zu erhalten, sondern um die Kultur neu zu prägen und die Gesellschaft zu verändern, so Williams.



Als der jähe Mitgliedereinbruch in den neunziger Jahren die Kirche in ihren Grundfesten erschüttert habe, seien die Reformwilligen in der Minderheit gewesen. „Einige verließen die Kirche, andere beschlossen zu bleiben und die Kirche zu lieben.“ sagte er schlicht. „Die Erneuerung beginnt bei mir. Bei mir selbst.“ lautete die schlichte, aber gehaltvolle Botschaft aus England. Nach einigen großen Evangelisationsaktionen und –events entstanden sogenannte „Resource Churches“, Quellgemeinden, die wuchsen, um „sich selbst zu verschenken“.



In den Pausen zwischen den einzelnen Vorträgen gab es zum einen kurze Murmelrunden, zum anderen Lieder mit Lobpreischarakter und zum dritten ausgesprochen erheiternde Sketche und darstellerische Einlagen von Böhringer Gemeindemitgliedern.
„Musik trennt, Essen verbindet – das habe ich in England gelernt“, ließ Markus Weimer mit einem Augenzwinkern aus dem Weisheitenkästchen verlauten. Illustriert wurde das von einer „Durchschnittsfamilie“, in der der Geschmack der Eltern der Volksmusik, der der Kinder rockigen Balladen wie den der Toten Hosen zugeneigt war. Alle vier besuchten ein Volksmusikkonzert, das in der zweiten Hälfte auch rockigere Töne anschlug. Und die Moral von der Geschicht‘? Eltern und Kinder lernen unterschiedliche Musikgeschmäcker zu genießen und auch mal Dinge auszuhalten, die nicht zu den bevorzugten Stilrichtungen gehören. Wir wichtig wäre diese Haltung auch in unseren Gemeinden…



Dieser Weg wird kein leichter sein - Veränderungen in einer Region am Beispiel der Diözese Nottingham
Im Sommer 2008 war Williams in einer Gemeinde tätig, deren Mitgliederzahl in kurzer Zeit von ursprünglich 250 auf 900 schnellte. Ganz englisch-rational zeichnete er Schritte auf, die einen solchen Erneuerungsprozess nach und nach möglich machten.
Zunächst einmal wurde die Realität auf verschiedenen Ebenen betrachtet und definiert. Dabei geht es um eine ehrliche Analyse des persönlichen Ausgangszustandes, den Blick auf das Evangelium, die detaillierte Betrachtung des Kontextes und das Rechnen mit der verändernden Kraft des Heiligen Geistes durch Hören und Beten. Diese ehrliche Bestandsaufnahme ist die Voraussetzung für das Finden einer Vision. „Vision ist ein Bild der Zukunft, das Leidenschaft erzeugt“, zitierte der Bischof einen anderen Erneuerer, Bill Hybels. Sodann ginge es um die Setzung von Zeitzielen oder vielleicht auch Zielzeiten: zunächst die big vision, das Evangelium selbst, dann die local vision, auf die Verhältnisse vor Ort heruntergebrochen und die „Zeitabschnittsvision“, d.h. was man in den nächsten ein bis zwei Jahren erreichen wolle. Dabei müsse man Prioritäten setzen. Die Leitungsaufgabe in einem solchen Prozess sei es, Kooperationen aufzubauen, Geduld und Liebe aufzubringen, die Visionen immer wieder zum Ausdruck zu bringen, zu übersetzen, zu erinnern und den „Schwung“ der Erneuerungsbewegung zu erhalten. Und dabei eines immer vor Augen zu haben: „The Joy of he Lord is our Strength“. (Die Freude am Herrn ist unsere Stärke). So könnten auch immer wieder kleine Erfolge gefeiert werden.



Grundlage für jegliche Erneuerung von Kirche sei die Erneuerung des Vertrauens in das Evangelium. Selbstvertrauen, Glaubwürdigkeit und eine „großzügige Orthodoxie“ im Sinne von Rechtgläubigkeit seien gute Zutaten auf diesem Weg.
Ein erstaunlicher Ratschlag war auch “Break the rules, to reach other people” – Brich Regeln, um anderen Menschen zu erreichen sowie die Wiederentdeckung der Rolle der Pfarrerin und des Pfarrers als eine Leitungspersönlichkeit, nicht nur in organisatorischer, sondern vor allem auch in missionaler Hinsicht.



"Musik trennt - Essen verbindet" - einen Beleg dafür bot ein Blick in die Mittagspause. Neben der körperlichen Stärkung, die Dörthe Sontag, Ilona de Beyer-Kolb und Christiane Theurer-Buck liebevoll und souverän vorbereitet hatten und managten, verbanden lebhafte Gespräche die Teilnehmer. Viele sammelten sich in der Sonne auf dem Kirchplatz, lauschten der Begleitmusik des Storchenschnabelgeklappers über ihren Köpfen (Böhringen ist in der Region auch als Storchendorf bekannt) und ließen das Gehörte Revue passieren. Der Himmel leuchtete derweil über den beflügelten und beseelsten Gemütern der Menschen, denen die Erneuerung von Kirche am Herzen liegt und die mit der ungebremsten Botschaft von Gottes erstaunlicher Liebe und davon, dass einem im Leben nichts Besseres passieren kann, als Jesus Christus nachzufolgen, gerne auch andere entflammen möchten.

Neue Wege gehen - wovon wir träumen können
Seit nunmehr anderthalb Jahren ist Paul Williams, Vater dreier erwachsener Söhne und leidenschaftlicher Fußballspieler, Bischof der Diözese von Nottingham. Er ist damit der Hirte und Leiter von rund 320 Gemeinden. In diesen vergangenen 18 Monaten habe er fünf Überraschungen erlebt. Zunächst seien die „ausgesendeten Jünger“ nie um Worte verlegen gewesen. Sprich: sie konnten die Menschen ihrer Umgebung in einer Sprache adressieren, die diese auch erreichte und bewegte. Weiter erstaunlich sei die Erfahrung gewesen, dass das Evangelium mehr Schwung bekommen habe, je besser man verstehe, zur Ruhe zu kommen. Es sei elementar wichtig, Pausen einzulegen, sich in sich zurückzuziehen und aufzutanken. Die Erfahrung in der Apostelgeschichte war, dass sehr viele Menschen Christen im Alltag erlebten und dadurch neugierig wurden auf den Inhalt ihres Glaubens.  Dabei habe Gastfreundlichkeit eine große Rolle gespielt. „Jemand, der neu in die Kirche kommt, sollte auch heute spüren, dass dort Freundlichkeit, Großzügigkeit und Gastfreundschaft gelebt werden.“ Weiter sei überraschend gewesen, dass ausschlaggebend war, wie viele interessierte Menschen in die Gottesdienstgemeinde hinzugekommen waren, nicht, wie viele schon da waren. Und schließlich sei es erstaunlich gewesen, wie viele Wunder sichtbar würden, wenn man Jesus in den Fokus stelle.

Eine wunderbare Illustration der Sehnsucht nach Erneuerung lieferte die Böhringer Gemeinde dann gleich noch einmal. In einer sehr unterhaltsamen künstlerischen Szenen zeigte sie diesmal mit zwei ganz jungen Akteurinnern die Notwendigkeit von Wertschätzung zwischen den Generationen oder verschiedenen Interessensgruppen innerhalb evangelischer Gemeinden. Allegorisch stellten sie den traditionellen Flügel und die nachwachsende junge Generation in ihren unterschiedlichen Vorlieben dar. In einer atemberaubenden (Wort-)Jonglage spielten sie sich buchstäblich die Bälle zu und kamen zu dem Schluss, dass es gemeinsam doch am besten ginge.

Nach einem Marathon engagierter und differenzierter Übersetzung, den Pfarrer Michi Born mit Bravour absolvierte, blieben zwei weitere Programmpunkte - Beispiele von kirchlicher Erneuerung in der Kirche hierzulande sowie eine Vertiefung in Kleingruppen – leider auf der Strecke. Ein Ansporn, diesen Werkstatttag in unserem Bezirk in einem zweiten Teil fortzusetzen. Diesmal mit dem Fokus auf nötige, wünschenswerte und mögliche Veränderungsprozesse in unseren Gemeinden hier am und um den Bodensee. Wie groß das Interesse an konstruktiver Erneuerung innerhalb der evangelischen Kirche ist, zeigte auch, wie viele Menschen von außerhhalb gekommen waren: Leitungsträger aus Überlingen, Stockach, Pfullendorf, Waldshut und aus der Schweiz.

In ausgesprochen aufgeräumter Atmosphäre ging der Werkstatttag Reformation zu Ende. Hoffnung,  Licht und Kraft schien die meisten Teilnehmer zu erfüllen, als sie die Kirche bei Sonnenschein verließen. Auf dem Weg zu neuen Wegen. Mit einem offenen Himmel über sich.

Minne Bley

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