„Stärkere Vernetzung zwischen Kirche und Diakonie wäre gut“ – Ein Gespräch mit Christian Grams, Geschäftsführer des Diakonischen Werkes Konstanz

„Fest der Liebe“ heisst Weihnachten im Volksmund. Und nicht von ungefähr. In Christi Geburt zeigt Gott seine Liebe zu uns Menschen. Liebe bedeutet im christlichen Sinne auch Nächstenliebe. Deshalb ist die Diakonie ( = Dienst an Armen und Hilfsbedürftigen) ein wesentliches  Tätigkeitsfeld der Evangelischen Kirche in Baden (und auch in anderen Landeskirchen), in das ein beträchtlicher Anteil der Kirchensteuer fließt. Ein Gespräch mit Geschäftsführer Christian Grams über die Arbeit im Diakonischen Werk (DW) im Kirchenbezirk Konstanz.

Im Sommer dieses Jahres gab es Veränderungen in der Organisationsstruktur des  Diakonischen Werkes Konstanz. Neben Ihnen als Geschäftsführer gibt nun drei Fachbereichsleiterinnen. Welche Vorteile bietet die neue Struktur?

Das DW ist in den letzten Jahren gewachsen, neue Aufgabenfelder sind hinzugekommen. Beispielsweise hat sich die Schuldnerberatung ausgeweitet, bei der psychotherapeutischen Betreuung kam das Projekt für Kinder psychisch kranker Menschen „Vergessene Kinder“ hinzu, ebenso die Kinderkrippe „Il Nido“ in Böhringen …. Mit der neuen Struktur kann man den einzelnen Fachbereichen besser gerecht werden, die fachliche Betreuung ist besser, die Zuständigkeit klarer.  Fachbereich 1 (Kinder, Jugend, Gemeinwesen) hat Anja Dürr-Pucher übernommen, Juristin mit einem Aufbaustudium in Sozialmanagement, den Fachbereich 2 (Beratung, Qualifizierung, Existenzsicherung) leitet Sozialarbeiterin Bärbel Wagner und Fachbereich 3 (Psychologische Beratung) steht Diplompsychologin Beate Hübner vor. Ein großer Vorteil unseres Leitungsteams ist, dass sich die Kompetenzen ergänzen.

Bekommen Sie die steigenden Anforderungen an die Qualität Ihrer Angebote zu spüren?

Mittlerweile gibt es erste Bereiche, wo wir Qualitätsmanagement einführen müssen, um Kooperationspartner zu bleiben bzw. zu werden. Wenn wir beispielsweise Partner des Jobcenters bei Maßnahmen für geförderte Beschäftigung sein möchten, müssen wir zertifiziert werden. Der Prozess, den wir durchlaufen, um diese Zertifizierung zu erlangen, ist aufwändig. Dabei müssen Dokumentationen erstellt werden, die eine Menge Zeit und Ressourcen kosten. Aber die Mühe hat sich gelohnt: Seit dem 4. Dezember haben wir dieses erforderliche Zertifikat.

Viele im sozialen Bereich tätige Institutionen klagen über immer spärlicher fließende Mittel. Ist das knapper werdende Geld tatsächlich das Hauptproblem für die diakonische Arbeit?

Ja, es ist bereits zu spüren, dass der Verteilungskampf härter wird. Wir haben allerdings den Vorteil, dass wir kirchliche Eigenmittel in diakonische Arbeitsfelder geben können. Beispielsweise wird die Schwangerschaftsberatung zu 20 % aus Kirchensteuer bestritten, die psychologische Beratung wird sogar komplett aus Mitteln des EOK finanziert.

Das heisst, die Anbindung an die Kirche bietet auch Vorteile für die diakonische Arbeit?

Auf jeden Fall, in Bayern gibt es diese Anbindung in dieser Form nicht. Das gefällt mir in Baden gut. Natürlich werden die kommenden Jahre aufgrund der zurückgehenden Kirchensteuer härter werden, die Verteilungskämpfe werden zunehmen. Deshalb setze ich mich für eine noch stärkere Vernetzung zwischen Gemeinden und Diakonischem Werk ein.

Wie könnte diese stärkere Vernetzung aussehen? Haben Sie da konkrete Vorstellungen?

Ich stelle mir vor, dass es in jeder Kirchengemeinde des Kirchenbezirks Konstanz einen Ältesten geben könnte, der den Kontakt zum Diakonischen Werk pflegt, der laufend informiert ist über Projekte und Hilfsangebote und der dieses Wissen auch in seine Gemeinde und an Hilfebedürftige dort weiterträgt und vermittelt.  Auch durch die Mitarbeit von Gemeindegliedern als Ehrenamtliche in der Diakonie könnte eine stärke Vernetzung erreicht werden. Ehrenamtliche sind immer willkommen, z.B. beim Mehrgenerationenhaus, bei der Betreuung von psychisch Kranken, u.a.

Welche weiteren Ziele verfolgen Sie?

Ein Ziel ist für mich die langfristige finanzielle Absicherung von Arbeitsfeldern. Wenn wir ein Projekt planen, ist die Voraussetzung für seinen Start, dass es wirklich lückenlos finanziert sein muss. Sonst kann es passieren, dass gute Ideen und Aktivitäten auf halbem Wege zum Erliegen kommen, weil das Geld ausgeht, weil man vorher nicht weit genug vorausgeplant hat. Ein anderes Ziel ist es, neue Inklusionsprojekte zu entwickeln.

Wo erleben Sie Erfolge? Was macht Sie froh?

Freude macht es mir, etwas von unseren Klienten mitzubekommen, hinauszugehen zu ihnen. Und Glücksmomente bescheren beispielsweise Rückmeldungen von Menschen, die sich bedanken, weil sie durch unsere Hilfe oder Beratung eine schwierige Situation in den Griff bekommen haben, weil sie wirklich Hilfe erfahren haben.
Mit gefällt am Diakonischen Werk auch, dass wir nicht gewinnorientiert sind, sondern für andere da sind, oder wie die Dekanin das bei der Einführung unserer Fachbereichsleiterinnen formulierte, Lichter für andere sein können, die die Welt etwas heller machen, Menschen in Not Begleitung und Rat, Hilfe und Wegweisung bieten.
Darüber hinaus gefällt mir auch die politische Dimension der Arbeit. Das DW ist Mitglied in vielen Ausschüssen und Gremien, in denen Vertreter verschiedener gesellschaftlicher Gruppierungen sitzen. Dadurch gestalten wir auch Prozesse mit, fördern Entwicklungen, sogar in Bereichen, die uns nicht direkt tangieren.

Und was kann die Kirche noch besser machen, wo gibt es Schwachstellen?

Kirche tut sich oft sehr schwer, ihre Verantwortung konkret wahrzunehmen. Wir konzentrieren uns manchmal zu sehr auf das Erörtern von Problemen und Problemfeldern. Wir als Kirche müssen uns darüber im Klaren sein, dass anderen Institutionen oft sehr aufmerksam beobachten, wie wir mit den Steuergeldern umgehen, die uns anvertraut sind. Auch deshalb ist es wichtig, dass wir unsere Arbeit gut machen.
Während die Gottesdienstgemeinde sich überwiegend aus der Mittelschicht rekrutiert, kommen wir mit anderen sozialen Schichten in Berührung. Von diesen Menschen werden wir als Diakonie als Kirche wahrgenommen. Wenn sie gute Erfahrungen mit uns machen, steigt bei ihnen auch der Stellenwert von Kirche. Und das, obwohl sie oft von Christentum und christlichem Glauben nichts mehr wissen. 

Angenommen, Sie bekämen eine nicht zweckgebundene Spende in Höhe von 1 Million Euro. Wofür würden Sie sie verwenden?

Ich würde einen Großteil davon in das Arbeitsfeld Psychiatrische Betreuung stecken. Psychisch Kranke sind in unserer Gesellschaft immer noch stigmatisiert.  Bei einem Prozent aller Menschen treten schizophrene oder psychotische Störungen auf, teils auch dauerhaft. So liegt mir beispielsweise die Arbeit der „Brücke“, einer Tagesstätte für psychisch Kranke sehr am Herzen.

Zur Person

Christian Grams (* 1966 in Kaufbeuren), aufgewachsen in der Diaspora im Ostallgäu, erlernte zunächst des Beruf des Kfz-Mechanikers, bevor er Sozialpädagogik in Fulda studierte. Sein beruflicher Weg führte ihn zunächst in eine Hautklinik, in der er die Therapie für an Neurodermitis erkrankte Kinder und ihre Eltern begleitete, danach sammelte er beim DW in Augsburg erste „Diakonie-Erfahrungen“ als Leiter einer Einrichtung im sozialpsychiatrischen Dienst und wechselte schließlich zum Bayerischen Roten Kreuz als Fachbereichsleiter. Seit April 2009 ist er Geschäftsführer des DW Konstanz und löste dort Günter Hamburger ab. Christian Grams ist verheiratet und Vater eines Kindes.

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