S.0.S.: Ungewollt schwanger und keine Wohnung in Sicht - Die Geschichte einer jungen Frau

Sie sitzt mir gegenüber. Eine gepflegte, junge Frau Ende Zwanzig. Ein hübsches, ernstes Gesicht. Kluge, dunkle, vertrauensvolle Augen. Ein Blick, der Entschlossenheit signalisiert. Was macht die denn im Frauenhaus? schießt es mir unvermittelt durch den Kopf.

Dann erzählt sie ihre Geschichte. In ebenso gepflegter Sprache, wie es ihre Erscheinung nahe legt. In Norden Deutschlands geboren und aufgewachsen, die Eltern sind strenggläubige Muslime. Die Familie lebt in einem kleinen Dorf. Auch nach Jahren ist da noch eine unsichtbare Mauer zwischen den Einheimischen und den nordafrikanischen Zuwanderern. Aber das hindert sie nicht daran, ihren Weg zu gehen. Sie ist hier in Deutschland geboren, hat Freundinnen sowohl unter den Zuwanderern als auch unter den Mitschülerinnen und den Kindern im Verein. Die Eltern unterstützen diese Freundschaften und Kontakte. Sie darf wie andere Mädchen ihres Alters und später als Jugendliche bei Freundinnen übernachten. Nach dem Schulabschluss macht sie eine Banklehre. Bekommt eine Anstellung, wird zu einer Kollegin, mit der man gerne zusammenarbeitet. Mehr als acht Jahre lang ist sie bei der Bank beschäftigt. Und dann dieser Abend…. Sie wird ungewollt schwanger. Schwanger. Eine junge unverheiratete Frau in einer muslimischen Familie. Undenkbar. Sie würde die ganze Familie in Schande bringen. Und sie fürchtet sich. Fürchtet sich vor Beschimpfungen, vor möglichen Repressalien und Gewalt. Auf den Vater ihres ungeborenen Kindes kann sie nicht bauen. Da entschließt sie sich zu einem schweren Schritt. Sie verlässt den Norden Deutschlands, wendet sich an Pro Familia und gelangt so in den äußersten Süden. Ihrer Familie schreibt sie einen Brief, in dem sie ihre Lage schildert und erklärt, warum sie geht. Sie möchte ihren Eltern keine Last sein, sie nicht in Misskredit bei ihren Landsleuten und Glaubensgeschwistern bringen. Darum lässt sie alle Freunde, Verwandten, alle Bindungen und Sicherheiten zurück. Von ihrem Arbeitgeber wird sie so sehr geschätzt, dass er ihr Gehalt bis zum Beginn des Mutterschutzes einfach weiterbezahlt, obwohl sie schon weg ist.
Was nun? „Ich brauche eine Wohnung, irgendwo hier in der Region, damit ich ein Nest bauen kann für mich und mein Kind.“ sagt die junge Frau, und ihre Stimme klingt bestimmt. Auch wenn sie hier keinen Menschen kennt. Der Geburtstermin ist Ende März. Bis dahin muss sie eine Wohnung gefunden haben. „Freuen Sie sich auf Ihr Kind?“ frage ich am Ende unseres Gespräches vorsichtig. Da hellt sich ihr Gesicht auf. „Ja.“ sagt sie, „Sehr.“ und reicht mir ihre schmale Hand. „Auf Wiedersehen.“                                                                                                                                                                      

Minne Bley, Presse- und Öffentlichkeitsreferentin des Kirchenbezirks Konstanz

Wer der jungen Frau eine kleine Wohnung vermieten oder vermitteln kann, wende sich bitte an das Frauen- und Kinderschutzhaus Radolfzell, Tel. 07732-57506

Jahreslosung 2020

 

 

 

 

 

 

 

 

Ich glaube, hilf meinem Unglauben! Mk 9,24

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