Hirschhausen by accident

Eine Woche ist seit dem Ende des Kirchentags bereits verstrichen. Erst jetzt liegt die von Hirschhausen dort gehaltene Bibelarbeit zur Speisung der Fünftausend schriftlich vor. Es lohnt sich aber auch mit einer Woche Verspätung, sich seine Gedanken zu Gemüte zu führen, denn der launige Kabarettist hatte wirklich einiges Bedenkenswerte mitzuteilen…

 

Eigentlich wollten wir ja zum „Landesvater“ Kretschmann. Wir waren extra früh aufgestanden, um auf jeden Fall noch einen Platz bei der Bibelarbeit mit ihm zu bekommen. Auf dem Weg dorthin kamen wir durch die Halle B 5, die gleich Hirschhausen mit seinen Gedanken zu der Speisung der Fünftausend (Lukas 9, 10-17) erfüllen sollte. Und kurzentschlossen blieben wir und konnten sogar ziemlich gute Plätze weit vorne ergattern.

Eckhart von Hirschhausen (*1967) tourt seit knapp 20 Jahren als Kabarettist, Humortrainer, Redner und Bestseller-Autor in den Medien und auf verschiedenen Bühnen Deutschlands umher und ist außerdem „Protestant – schon genetisch“, wie er sich nach der Vorstellung als „Wortarbeiter“ durch die Alttestamentlerin Christel Meyer selbst bezeichnete. Bereits in Dresden vor zwei Jahren haben wir eine Bibelarbeit mit Hirschhausen erlebt – damals war ich völlig begeistert von seiner flapsigen Art und seinem Witz. Sein Humor war einfach entwaffnend, und die Bibel“arbeit“ war von vielen Lachsalven unterbrochen. Hier in Hamburg wirkte er wesentlich ernsthafter. Aufgeregt sei er, dass er sich mit Speisung der Fünftausend vor sovielen Menschen auseinander setzen dürfe, es sei eine große Aufgabe. Aufgeregt sei er, dass 5000 zuhörten, und dass so viele in die Halle passten, sei schon ein kleines Wunder für sich. Zu Beginn gleich dankte er den Zuhörern für ihr Vertrauen.

Zunächst folgte das erste Lied: „Geh aus mein Herz und suche Freud“ – eines der Lieblingslieder des Humoristen mit Tiefgang. Als einen genialen Schachzug Jesu bezeichnete er die Speisung der Fünftausend, denn er unterlaufe damit unseren Egoismus. „Er sagt: Es ist genug da. Nehmt, so viel Ihr wollt. Wir Menschen haben immer Angst, es reiche nicht für uns. Das ist auch die Logik der Finanzkrise. Oder ein anderes Beispiel. Wenn ich meine Oma fragte: Was strickst Du denn so hektisch? Lautete die Antwort: Ich muss fertig werden, bevor die Wolle fertig ist.“ – „Zweitausend Jahre später stehen wir alle noch fassungslos vor der Vision, dass alle satt werden könnten. Wie pervers: Die eine Hälfte der Welt hungert, die andere Hälfte ist auf Diät.“
Die Geschichte aus dem neuen Testament schien den Mediziner, der sich dem Humor verschrieben hat, wirklich zu beschäftigen. Auch während seines Vortrags hielt er immer wieder inne, um nachzusinnen, ob er vielleicht einen Aspekt, den sie birgt, übersehen hätte. „Wenn ich nicht stringent bin, liegt das an mir. Sorry. Aber wenn jeder von Ihnen nur einen Gedanken aus dieser Bibelarbeit mitnimmt, ist das genug. Es reicht für alle.“
Offensichtlich ist der 46jährige auch dem Genuss zugetan. „Das liebe ich am Christsein – dass wir ale einzigeeine  Religion haben, in der Wasser in Wein verwandelt wird.“ – sagte er und erntete den nächsten Lacher. „Auch aus medizinischer Sicht ist es ein Wunder: Der Körper macht aus Wein über Nacht wieder Wasser.“

Doch dann wurde er wieder ernst – für einen Humoristen gar nicht unbedingt so einfach. „Was sagt Jesus zu den Fünftausend? Setzt euch. Machts euch gemütlich. Heute würde er sagen: Ej, chillt! Setzt euch hin, ist alles nicht so schlimm. Da fällt mir noch was ein: Menschen wurden sesshaft, weil sie nicht mehr stehen konnten. Aber zurück – Hunger war damals alltäglich. Deshalb hat die Geschichte so eine unheimliche Kraft und rührt auch heute noch an.“

Dann wagte Hirschhausen eine Begriffsdefinition. „Reich ist, wer Vermögen hat. Da steckt „etwas tun können“ drin. Reich ist, wer etwas tun kann.“

Zum in unserer Gesellschaft viel strapazierten Thema des Übergewichts hatte er auch etwas beizutragen. „Übergewicht ist ein Stressphänomen. Wenn ich innerlich leer bin, esse ich zu viel. Seid also achtsam bei dem, was ihr esst. Wenn ich im Begriff bin, etwas zu essen, reicht es, einen Moment innezuhalten und bei dem, was ich auf der Hand habe, bevor ich es mir in den Mund stecke, zu fragen: Will ich daraus bestehen?“
„Um zu wissen, was wir wirklich brauchen, braucht es Reflexion. Überleg mal, was Du brauchst. Unsere Sprache ist, wenn es um Essen geht, hochreligiös. Sündigen ist Sahnetorte.“

Hirschhausen flicht eine praktische Übung zur Speisung vieler in seine Ausführungen ein. Er läßt durch die vielen fleissigen Pfadfinder-Helfer Rosinen an alle Menschen im Saal verteilen. „Ein kleines Experiment. Ich hab mir lange überlegt, was ich nehmen kann. Das ist vielleicht das Protestantische: Wenn man etwas tut, dann muss es auch effektiv sein. Jesus war kein Protestant, soweit wir wissen. Nachdem alle satt geworden sind und ihm huldigen wollen, sagt er: Macht mich deshalb nicht zum König. Erwartet nicht, dass ich nur immer Wunder mache. Ihr könnt das alleine. Ohne mich.
Diese Geschichte ist nicht nur eine der Hoffnung, sondern auch der Provokation. Sie führt zu der Frage: Geben wir genug ab? Natürlich zahlen wir alle Steuern. Und solange ich das Gefühl habe, das Geld wird verantwortlich eingesetzt, tue ich das auch gerne. So zum Beispiel die Kirchensteuer.“

Ein paar Minuten später folgt Hirschhausens Übung Nummer zwei. Er fordert alle auf, die Rosine in den Mund zu nehmen (lange Lacher, denn die meisten haben die Rosine längst verspeist). „Also gut: Die drei Leute, die noch eine Rosine haben, machen stellvertretend die Übung für alle anderen. Sie nehmen die Rosine in den Mund und schmecken mal deutlich hin. Das ist übrigens auch eine gute Übung: Vor dem Essen inne zu halten, einen Moment Stille einzulegen. Der Schlüssel des Meisters liegt meiner Meinung darin, dass er vor dem Essen dankt. Und auch das können wir uns von ihm abschauen – die Idee, dankbar zu sein für diesen Moment, für das, was ich mit anderen teilen kann – da steckt für mich ein großes Geheimnis drin.“
„Wir wissen heute, dass auch positive Gefühle ansteckend sind. Viren auch, aber auch mit guter Laune, mit Herzenswärme kann man anstecken. Deshalb bin ich so gerne auf Kirchentagen, weil man hier so viel bekommt, weil wir nicht alleine sind, weil wir so viele sind.
Jesus war wie Brecht der Ansicht: Erst kommt das Fressen, dann die Moral. Er weiss, dass er nicht reden kann, wenn die Menschen hungrig sind. Erst wenn sie satt sind, hören sie zu. Und zum Schluss sagt er: Ich will diese Macht nicht. Will nicht dafür verantwortlich sein, dass ihr jeden Tag zu essen bekommt. Ich hab‘s euch einmal gezeigt, das reicht.“

Nun kommt eine weitere Reflektionsübung. Hirschhausen macht es vor: „An welchen Stellen habe ich gesucht und nichts gefunden, was mich satt macht? Was habe ich, das ich weitergeben kann? Was sind eure Stärken? Tauscht das doch mal mit eurem Nebenmann und eurer Nebenfrau aus.“ Da wandert plötzlich der Blick von der Bühne zu dem und der Unbekannten, die neben, vor oder hinter mir sitzen. Ich erfahre, dass jemand gut Geschichten von Jesus erzählen kann, zuhören, helfen, singen – und viel mehr bleibt im Verborgenen.

„Wunder gibt es immer wieder, heute oder morgen können sie geschehn. Wunder gibt es immer wieder – wenn sie dir begegnen, musst Du sie auch sehn.“ singt der Humorist mit den 5000 im Saal den alten Schlager mit leicht abgeänderten Text. Dann erzählt Hirschhausen, dass er in Heidelberg Medizin studiert hat und dort die Dichterin Hilde Domin kennengelernt hat. Er zitiert aus einem ihrer Gedichte: „Nicht müde werden, sondern dem Wunder leise wie einem Vogel die Hand hinhalten.“ In Anlehnung daran führt er aus: „Man kann das Wunder nicht zwingen, auf unserer Hand Platz zu nehmen. Aber wir können unsere Hände offen halten. Was kann man weitergeben? Und: Wie wenig ist das?“

Zum Abschluss der nachdenklich stimmenden und doch unterhaltsamen 90 Minuten bringt er sein für diese Bibelarbeit letztes Bonmot. „Wunderkerzen sind für mich ein schönes Symbol. So eine Wunderkerze ist wie das Leben, sie brennt ab. Wundern müssen wir uns selbst. Und es gibt immer wieder Gelegenheit dazu. Beispielsweise, wenn Menschen lernen, mit Krankheiten zu leben. – Danke, dass wir diese Stunde miteinander feiern konnten!“

Jahreslosung 2020

 

 

 

 

 

 

 

 

Ich glaube, hilf meinem Unglauben! Mk 9,24

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