Andacht Mai 2018

zu Hebräer 11,1 von

Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht dessen, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht. Hebräer 11,1

Liebe Leserinnen und Leser,

Ein moderner Mensch unserer Tage verirrte sich in einer Wüste. Tage- und nächtelang lief er umher. „Wie lange braucht man, um zu verhungern und zu verdursten?“ dachte er. Er wusste, dass man länger ohne Nahrung leben kann, als ohne Wasser. Die unbarmherzige Sonnenglut hatte ihn ausgedörrt. Er fieberte. Wenn er erschöpft ein paar Stunden schlief, träumte er von Wasser, von Orangen und Datteln. Dann erwachte er und taumelte weiter.

Da sah er plötzlich in einiger Entfernung eine Oase. „Das bildest du dir ein! Es ist nur eine Fata Morgana!“ dachte er. „Eine Luftspiegelung, die mich narrt und zur Verzweiflung treiben wird, denn in Wirklichkeit ist da gar nichts.“ Er kam immer näher zu der Oase und sie wollte einfach nicht verschwinden. Im Gegenteil sah er sie immer deutlicher: die Dattelpalmen, das Gras und die Felsen, zwischen denen ein Quell entsprang. „Es kann natürlich eine Hunger-Phantasie sein, die mir mein Gehirn vortäuscht“, sagte er zu sich selbst. „Solche Phantasien hat man ja in meinem Zustand. Natürlich – jetzt höre ich sogar das Wasser sprudeln. Eine Gehörhalluzination. Wie grausam die Natur ist!“ Mit diesen Gedanken brach er zusammen und starb mit einem lautlosen Fluch auf die unerbittliche Bösartigkeit des Lebens.

Einige Stunde später fanden ihn zwei Beduinen. „Kannst du so etwas verstehen?“ sagte der eine Beduine zum anderen. „Die Datteln wachsen ihm beinahe in den Mund – er hätte nur die Hand auszustrecken brauchen, um sie zu bekommen. Und er liegt direkt neben der Wasserquelle. Mitten in dieser schönen Oase hier – verhungert und verdurstet. Wie ist das nur möglich?“
„Nun“, antwortete der andere Beduine, „er war ein moderner, aufgeklärter Mensch“. Er hat nicht daran geglaubt.“

Diese kurze Geschichte passt gut zu unserem Monatsspruch aus dem Hebräerbrief, der ebenfalls den Glauben thematisiert.  
Nach christlichem Verständnis heißt „Glaube“ dasselbe wie „Vertrauen“. Das unterscheidet sich von der umgangssprachlichen Bedeutung des Wortes „glauben“ im Sinne von „meinen“, oder „vermuten“. Wenn wir z.B. zu einem Menschen den kleinen aber gewichtigen Satz sagen „Ich glaube dir!“ wird deutlich, dass hier das Gegenteil von bloßem Vermuten gemeint ist. Vielmehr geht es um eine feste Überzeugung und Gewissheit. Und insofern kann man mit Wilhelm Busch sagen: „Nur was wir glauben, wissen wir gewiss“. Dieser Satz war nicht nur ein Lebensmotto des norddeutschen Zeichners und Philosophen, sondern bringt auch eine tiefe Einsicht zum Ausdruck: Glaube und Verstand sind keine Gegensätze, die sich feindlich gegenüberstehen. Sondern Glaube und Verstand sind aufeinander bezogen und aufeinander angewiesen.
Ein Glaube ohne Vernunft ist ein blinder Glaube. Jedoch gilt auch: Vernunft ohne Glaube (das verdeutlicht die Geschichte des Verdurstenden in der Wüste) ist gefährlich. Denn diese Lebenshaltung lässt den Menschen zu einem einseitigen Verstandesgeschöpf verkümmern, das kein Vertrauen mehr kennt.

Pfarrer Thomas Michael Kiesebrink, Aach-Volkertshausen