Andacht November 2018 - zwei

zu Psalm 38, 10 von

Herr, all mein Sehnen liegt offen vor dir, mein Seufzen ist dir nicht verborgen. Psalm 38, 10

Da ist Einer am Boden zerstört, völlig am Ende, in tiefster Verzweiflung gefangen.
Es ist  schon kaum auszuhalten, den Psalm nur zu lesen; wer sich betend versucht, in dieses Elend einzufühlen, den zerreißt es beinahe.
Eine ungenannte Schuld drückt den Betenden nieder, vergiftet sein Leben: das hat seelische, körperliche und soziale Auswirkungen: von schreiender Unruhe des Herzens und großer Angst vor Gottes Zorn ist die Rede, von stinkenden Wunden und chronischen Schmerzen, von arglistig bedrängenden Feinden, denen der Betende sich wehrlos ausgeliefert fühlt…
es ist eine umfassende Katastrophe, die alle Lebensbereiche erfasst -  
in 18 Versen herausgeschrien, wieder und wieder kreisend in auswegloser Unerträglichkeit.

Aber: es ist ein Gebet. Das Betende Ich hat wenigstens noch dies: ein Du, um seine Klage auszubreiten. Und darin den Widerhall dessen, was der Beter in besseren Zeiten seinen Glauben genannt haben mag: vielleicht nicht die Zuversicht, aber zumindest doch die Erwartung, dass seine Klage gehört, dass seine Bedürftigkeit gesehen wird:
„All mein Sehnen liegt offen vor dir, mein Seufzen ist dir nicht verborgen“
Das ist etwas, ein Ansatz, ein allerletzter Halt, um nicht vollends abzustürzen.

Ein junger Mann, der von sich selbst sagt, er glaube nicht an Gott, erzählte mir (selbst ganz erstaunt darüber), dass er kürzlich gebetet habe, als er verzweifelt war. Ja – er sei nachts unterwegs gewesen und habe sich einfach an einer Hauswand auf den Boden gesetzt und angefangen zu beten. Habe das getan, obwohl sein Verstand ihm ständig dazwischenfunkte, dass das doch Unsinn sei. Habe das einfach trotzdem getan. Und seine ganze Verzweiflung vor einem göttlichen DU ausgebreitet, von dessen Existenz er überhaupt nicht überzeugt sei.
„So hab‘ ich also gebetet,“ erzählte er. „Und weißt du was? Das hat mir geholfen! Ich habe ein wenig Klarheit gewonnen und Boden unter den Füßen; es ist nichts gelöst und es ist auch nicht so, dass ich jetzt plötzlich total an Gott glaube, aber ich habe eine Perspektive bekommen. Und die Zuversicht, dass ich da durch kommen werde.“ Und er staunt, dass dieses Beten, obwohl es viel mehr der Verzweiflung entsprungen war als irgendeiner Art von Glauben, eine solch lösende, tragende Kraft hatte.

Den Beter des 38. Psalms trägt sein Beten hinaus über die Erwartung, dass er gehört wird. Sie wird zur Gewissheit, dass Gott ihm antworten wird (V. 16: „Aber ich harre, HERR, auf dich; du, Herr, mein Gott, wirst antworten“). Und am Ende kann er tun, was ein Mensch in der Regel nur wagt, wenn er eine Beziehung hat zum angesprochenen Du: er kann um Hilfe bitten. (V. 22.23: „Verlass mich nicht, HERR, mein Gott, sei nicht ferne von mir! Eile, mir beizustehen, Herr, meine Hilfe!“)

Kann es sein, dass wir hier Zeugen werden davon, wie eine Gottesbeziehung entsteht gerade aus der Erfahrung der Gottesferne heraus?  
Und kann es sein, dass dies ein Weg Gottes ist, Glauben zu schenken, der jenseits aller unserer missionarischen Bemühungen liegt?
Da muss ich auch staunen...!

Ihre Pfarrerin Christine Holtzhausen
Petrus-Paulus-Pfarrei Konstanz

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