Andacht Dezember 2018 / 2

zu Matthäus 2,10

Während der Ausbildung für den Pfarrberuf wohnen Badische Lehrvikar*innen mehrmals gemeinsam im Heidelberger Predigerseminar. Das Haus liegt direkt am Fuß der Alten Brücke über den Neckar, von der Altstadtseite gut einzusehen. Einer meiner Kurskollegen bewohnte seinerzeit das Zimmer direkt über dem Eingang zum Stift. Er machte sich in der Adventszeit den Spaß in einem Ein-Euro-Shop eine blinkende Lichterkette zu kaufen und sie innen im Fenster seines Zimmers anzubringen. Jeden Abend blinkten die Lichter bunt – sehr zum Unwillen der Seminarleitung. Das zieme sich nicht für ein evangelisches Predigerseminar und sehe eher nach einem orientalischen Bazar aus. Angemessen seien allenfalls Strohsterne – Blinklichter seien albern und würdelos. Ein Verbot wurde nicht explizit ausgesprochen, aber die Missbilligung war tagelang spürbar.

Die Seminarleitung berief sich mit dem Plädoyer für dezente Strohsterne auf die Lukasvariante der Weihnachtserzählung mit der Krippe: Jesus, der Heiland der Welt, kommt in niedrigsten Verhältnissen zur Welt. Seine Eltern hatten nicht einmal Raum in irgendeiner der Herbergen. Weihnachten spielt sich bei Lukas ganz unten ab. Die Hirten, die Leute vom Land, die ungebildeten, denen das Image der Unehrlichkeit und Unberechenbarkeit anhaftete, waren stellvertretend dafür die ersten Besucher. Darum ist es ein guter Brauch, Sterne aus Stroh an den Weihnachtsbaum anzubringen.

Die Blinklichter-Fraktion unter den Feiernden kann sich ihrerseits zu gutem Recht auf Matthäus berufen. Er berichtet von den Weisen aus dem Morgenland, die dem Stern bis nach Bethlehem folgen. Sie kommen von weit, sind vornehme Gebildete; in der Wirkungsgeschichte werden sie sogar zu Königen! Sie sehen in dem Kind den „neugeborenen König der Juden“. Sie sind religiöse Sucher und sie jubeln, als sie endlich in Bethlehem den sehen, dessen Stern sie hatten aufgehen sehen.

So kann das sein, wenn Fremde kommen: sie sehen nicht nur anders aus. Sie sehen manchmal auch etwas anderes. Sie haben eine andere Perspektive auf die Dinge.

Herodes sah nur den möglichen Konkurrenten und fürchtete um seinen politischen Machterhalt – für ihn war dies erste Weihnachten vermutlich so etwas wie ein Störfeuer oder ein Irrlicht. Er hatte Sorge, in den Schatten zu geraten. Er versuchte schließlich die Sternkundigen zu instrumentalisieren, sie als Spione missbrauchen. Er spürte ja auch den „wind of change“, der Teile seines Volkes ergriffen hat. Er teilt die Ahnung davon, dass sich mit dieser Geburt die Zeiten ändern. In machtpolitischen Dimensionen denkend lautete seine Frage sozusagen: wie gefährlich ist das alles?
Seine theologischen Berater blätterten eifrig in ihren Büchern und blieben in der Schriftanlayse stecken – auch ihnen ging letztlich kein Licht auf. Ihre Frage war vielleicht eher eine wissenschaftlich-skeptische: wo und wie konnte das funktionieren? Was haben wir übersehen? Oder vielleicht: finde wir so etwas wie eine „Gebrauchsanweisung“ für Zeitenwenden?
Weder die Vertreter der politischen noch die der religiösen Instanzen konnten über ihren gewohnten Rahmen hinausschauen. Die Zeichen der Zeit blieben ihnen verborgen.  

Die Weisen dagegen sahen mehr. Ihre Frage lautete vermutlich eher so: Wie kommen wir in Kontakt? Und sie machten sich auf den Weg. In die Fremde. Über die Grenzen. Bis sie in Bethlehem waren und das Heil der Welt, den Heilbringer, den Retter fanden. Ihre Freude war grenzenlos und sie übergaben kostbare Geschenke.

Wenn also die vielen Blinklichter im Advent dem einen oder anderen sehr bunt und eher „orientalisch“ vorkommen, dann ist das durchaus sachgemäß. Die Fremden aus dem Morgenland haben den Stern gesehen und haben sich von ihm bis nach Bethlehem leiten lassen.
Die bunten Lichter werden unser manchmal sehr bürgerliches Weihnachten nicht beeinträchtigen, sondern vielleicht um ein paar leuchtende Facetten ergänzen.

Schuldekan Martin Lilje