Andacht April

„Und siehe ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende  …“

(Mt 28,20)

Hey, Augen auf ! … „Siehe !“. Sprichwörtlich-biblisch. Aber nicht mit dem üblicherweise unterstellten Pathos „Süüühööö !“. Vielmehr geht es tatsächlich um ein anderes, neues  „Sehen“, wenn die Bibel von Blindheit und Sehendwerden spricht. Absolut eindeutig im Johannes-Evangelium, Blindenheilung in Joh.8 und das „Sehen“ der Gegenwart / Herrlichkeit Gottes im Menschen (Joh 1). Und: Wer Gott nicht im Menschlichen („Sohn“) wiedererkennt, erkennt ihn gar nicht. „Siehe !“ ist also ein Signalwort.

Das neue Testament ist eine Seh-Schule: Der über Welten erhabene Gott wird, menschlich, warm und greifbar. Das kosmisch-göttliche Leben liefert sich aus, wird verletzlich, gibt sich in unsere Hände, ruft uns in unsre Verantwortung, Hüter zu sein. Nicht nur unseres Bruders, sondern  Hüter des Lebens schlechthin. Und in diesem Sinne, endlich, endlich zu geistlich erwachsenen Menschen zu werden. Zugleich zu „Kindern“ des göttlichen Lebens, die um ihre königliche Würde wissen und volle Verantwortung füreinander haben. Das feiern wir dann zu Pfingsten:

Die Ruach Gottes, sein Geist der Verantwortung und Zivilcourage, sein Bewusstsein und Lebensatem ist in uns. Wir sind Träger einer königlichen Berufung für das Leben. Wir sind nicht Marionetten einer weltfernen, irgendwie erhaben-prädestinatorischen Gottheit. Gott ist groß – Allahu akhbar: JA ! So groß aber, dass ihm das kleinste nicht zu klein ist. So groß, dass er uns im Menschen ("Sohn") begegnet: „Sieh doch !“. Begreife doch endlich !

„Siehe ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende!“ Plötzlich bekommt diese Zusage des Auferstandenen, die wir bei der Taufe zitieren, einen handfest alltäglichen Sinn: ER ist es, der uns in unseren Kindern anschaut (Mk 10,15). ER ist es, der uns in den vermeintlich „Geringsten“ begegnet (Mt 25,40), ER ist es, der mit uns am Arbeitsplatz steht, der uns als Lebenspartner anvertraut ist, uns über den Gartenzaun grüßt. Die Transzendenz Gottes muss immanent gedacht werden: „Siehe!“.

Oder anders ausgedrückt Gott ist uns im anderen Menschen, „im Du“ transzendent. Oder ebenfalls mit Bonhoeffer so: Die radikale Diesseitigkeit Gottes entdecken. Genau dahin führt uns die Auferstehung und die sogenannte

Himmelfahrt: In die radikale Unmittelbarkeit und Nähe Gottes, nicht in eine weltabgewandte Himmelshöhe: „Was glotzt ihr denn Löcher in den Himmel“ werden die Jünger logischerweise gefragt (Apg 1,11). Und das Leitwort schlechthin der gesamten Jesusverkündigung: „Der Himmel

(Gottes) ist euch hautnah (Mt 3,2)“, er ist nicht fern und kommt irgendwann, sondern jetzt und „mitten unter euch !“ (Lk 17,21). Und:

Gott ist Beziehung, Liebe, Mitmenschlichkeit, Nähe (1. Joh 4,16). Und so auch die Auferstehungsbotschaft am Ostermorgen keine Verabschiedung in ein fernes Jenseits, sondern es heißt: „Geht hin nach Galiläa“, geht in euren Alltag, geht in euer Leben, nur tiefer und mit diesen neuen Sehen:

„Dort werdet ihr ihn sehen !“ (Mt 28,7)

 „Und siehe ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende  …“ (Mt 28,20)

Verfasser: Pfr,. Frank-Uwe Kündiger, Allensbach