Andacht Juni

„Freundliche Reden sind Honigseim, süß für die Seele und heilsam für die Glieder.“ (Spr 16,24)

 

Ganz schön viel, was dem Honig da so zugetraut wird. Oder strenggenommen dem ungeläuterten Honig, wie er direkt aus den Waben abfließt. So wird das außerhalb der Bibel wenig gebräuchliche Wort „Honigseim“ erklärt. Dem entspricht wohl ein qualitativ hochwertiger Honig. Den Imkerbund wird’s freuen. Je nach Geisteshaltung (oder den zu Rate gezogenen Studien) wird die heilende Wirkung von Honig zwar gelegentlich ein wenig überschätzt. Aber eine warme Honigmilch ist ein bewährtes Hausmittel bei einer angekratzten Stimme. Und ein Frühstück mit frischen Brötchen, einem guten Honig und noch ein paar weiteren Zutaten ist für mich ein gelungener Start ins Wochenende und hebt gleich mal meine Stimmung.

Im Kern geht es in dem Spruch aber nicht um ein Lob des Honigs, sondern der wertvolle Honig ist ein Bild für die Freundlichkeit.

Was hier mit freundlichen Reden nicht gemeint ist: Dem Gegenüber „Honig ums Maul schmieren“, also schmeicheln und schön reden, ohne das Gesagte wirklich zu meinen. Das Hochgefühl, das solche Schmeicheleien auslösen mögen, hält in der Regel nicht lange vor. Spätestens dann, wenn der geschmeichelten Person klar wird, dass die schönen Worte nur aus Eigeninteresse gemacht wurden, weicht das Hochgefühl einem schalen Nachgeschmack. Solche schönen Reden gleichen dem übermäßigen Konsum von Süßem, der kurzfristig Glückshormone freisetzt, aber langfristig eher Depressionen fördert. Im Buch der Sprüche wird wiederholt der Wert von Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit betont. Z.B.: „Wahrhaftiger Mund besteht immerdar; aber die falsche Zunge besteht nicht lange.“ (Spr 12,19)

Aufrichtige Freundlichkeit dagegen bereichert das Miteinander und hat keine unerwünschten Nebenwirkungen. Vielleicht wäre es an der Zeit für eine kleine Ethik der Freundlichkeit.

In den Kindergartenregeln in meiner früheren Gemeinde war „freundlicher Umgang“ lange die „Regel Nummer 4“. Diese Regel hatten selbst die Kleinsten schnell verinnerlicht. Eltern erzählten immer mal wieder, dass ihre Kinder eine Gardinenpredigt mit „Stopp! Freundlicher Umgang Nr.4!“ gekontert hätten. Folgerichtig rückte der freundliche Umgang irgendwann zur „Regel Nr. 1“ auf.

Ich finde das angemessen. Mir tut es gut, wenn Menschen mir freundlich begegnen. Wenn Sie mir zeigen, dass sie sich für mich interessieren und mich wertschätzen. Eine freundliche Begegnung wärmt mir die Seele und richtet mich buchstäblich auf. Ich setze meinen Weg ein Stückchen aufrechter fort. Und einer freundlichen Bitte komme ich viel lieber nach als einer wenig freundlichen Aufforderung. Auf Druck reagiere ich unwillkürlich erst mal mit Trotz.

Umgekehrt erlebe ich immer wieder, dass andere Menschen sich über freundliche Worte freuen. Wenn ich es nicht einfach als selbstverständlich hinnehme, dass das Küchenpersonal seine gewohnte Routine unterbricht, damit wir in der Schulmensa Andachten feiern können, solange die Melanchthonkirche saniert wird. Oder wenn ich es nicht unkommentiert lasse, wenn eine Schülerin ihr Protokoll gleich am nächsten Tag einreicht, damit ich es dem übrigen Religionskurs rechtzeitig zur Vorbereitung auf die Klausur zukommen lassen kann. Und wenn es mir gelingt, mit Freundlichkeit anderen eine Freude zu machen, werde ich selbst von deren Freude angesteckt. Freundlicher Umgang bringt alle Beteiligten weiter.

„Freundliche Reden sind Honigseim; süß für die Seele und heilsam für die Glieder.“ Vielleicht ist das so, weil sich in der aufrichtigen Freundlichkeit von Menschen ein Stück der Freundlichkeit Gottes zeigt.

Viele freundliche Begegnungen wünscht Ihnen

Arnold Glitsch-Hünnefeld, Schulpfarrer (Schloss Gaienhofen)