Andacht September

Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele? Matthäus 16,26 

In den Sommermonaten nehme ich mir gerne Zeit, um über das vergangene Jahr nachzudenken. Ein Spaziergang in den Dünen, der Blick aufs Meer: Der ideale Ort zur Entschleunigung. Hier gelingt es mir, in Ruhe nachzudenken. Was ist gelungen? Was konnte ich erreichen? Wo waren die größten Baustellen? Welche Dinge haben meiner Seele gut getan, was habe ich vor mir hergeschoben oder vielleicht auch verdrängt?   

Beim Gehen in den Dünen erinnerte ich mich plötzlich an eine Grafik, die ein Redner während einer Konferenz auf ein Flipchart gepinselt hat. Er malte eine ansteigende Kurve in ein Koordinatensystem. Diese Linie stand für die zunehmende Geschwindigkeit unseres Alltags. Um konkreter zu werden, wandte er diese Kurve auf die Abschnitte des Lebens an:

Während unserer Jugend nimmt das Leben immer mehr an Fahrt auf. Aber spätestens mit dem ersten Job geht es dann richtig los. Kommen noch Partnerschaft und Kinder dazu, dann spricht man ja auch gerne von der „Rushhour of life“. Neben den privaten Dingen, nimmt aber auch die berufliche Verantwortung meist stetig zu. Das Leben wird schneller, aufregender, herausfordernder – oftmals aber auch belastender. Diese Entwicklung kann leicht zu einer Falle werden. Und zwar dann, wenn wir die zweite Kurve in der Grafik übersehen. Der Redner zeichnete eine zweite Linie auf das Papier, die der ersten bis zu einem bestimmten Punkt folgte – dann brach sie ab. Diese zweite Kurve stand für unsere Seele.

Aus biblisch-theologischer Perspektive steht die Seele (hebr. näphesch) für unsere Persönlichkeit, unsere Identität, unser innerstes Wesen. Sie ist uns von Gott geschenkt, sie macht uns besonderes. An unterschiedlichsten Stellen im Alten wie im Neuen Testament wird die Bedeutung unserer Seele beschrieben. Sie ist z.B. aufgefordert, Gott zu loben („Lobe den Herrn meine Seele und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“ – Psalm 103,2), sie kann unruhig (Psalm 43,5) oder auch zu Tode betrübt sein („Meine Seele ist betrübt bis an den Tod.“ – Matthäus 26,38). Der Seele kommt eine tiefgreifende Bedeutung zu und daher sind wir aufgefordert, „Hüter unserer Seele“ zu sein. Wenn das Leben zu schnell wird, dann kann es passieren, dass unsere Seele auf der Strecke bleibt und Schaden nimmt. Und dieser Schaden hat das Potential kollateral zu sein.

Als ich so durch die Dünen ging kamen mir einige Momente vor Augen, in denen ich meine Seele abgehängt habe. Und das waren ganz gewiss nicht die Sternstunden des letzten Jahres. Der Monatsspruch fordert uns heraus, unsere innersten Motive regelmäßig zu überprüfen. Im Alltag geschieht es schnell, dass wir uns in den vordergründigen Erfolgen unserer Zeit verstricken. Aber das Wesentliche bleibt dabei unberücksichtigt. Nämlich, dass unsere Seele zur Ruhe findet. Und vermutlich ist es das, was der Kirchenvater Augustin unserer Seele empfahl, als er schrieb: „Unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie Ihre Seele nicht vernachlässigen und Sie genug Zeit finden, in der Nähe des lebendigen Gottes aufzutanken. Vielleicht wäre ein ausgiebiger Spaziergang hilfreich, um ein wenig über den Zustand Ihrer Seele nachzudenken? Falls das Meer in der Nähe ist, dann vielleicht auch in den Dünen…

Markus Weimer, Pfarrer in Böhringen