Andacht November 2019

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Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt. Hiob 19,25

Liebe Leserinnen,

das Buch Hiob im Alten Testament erzählt von einem Mann, der völlig schuldlos schwere Schicksalsschläge erleiden muss und stellt damit die Frage nach der Gegenwart Gottes im Leid. Ich möchte dieser Frage am Beispiel des christlichen Mystikers Johannes vom Kreuz (1542-1591) nachgehen.    

Seine Schriften wie  „Die dunkle Nacht“ und „Aufstieg auf den Berg Karmel“ sind Meisterwerke christlicher Mystagogie und noch heute eine lohnende Lektüre.

Als 21-jähriger trat Johannes in Medina del Campo in den Karmelitenorden ein. Zuvor arbeitete er nach einer schweren und entbehrungsreichen Kindheit – der Vater starb früh, die Mutter musste mit ihren drei Söhnen in materieller Not mehrmals den Wohnort wechseln – als Pfleger in einem Seuchenhospital der Stadt und erhielt nebenher eine Schulbildung bei den Jesuiten. Er lernt seine ältere Ordensschwester Teresa von Avila (1515-1582)  kennen, eine Mystikerin und geistliche Lehrerin hohen Ranges, die 1565 innerhalb ihres Ordens mit der Gründung von Reformkonventen begonnen hatte. Doch musste Johannes für seine Entscheidung, Teresa zu unterstützen, bitter bezahlen. Im November 1577 wird er von Mitbrüdern, die Gegner seiner Reformen waren, entführt. Sie verurteilten Johannes, verschleppten ihn im Dezember nach Toledo und warfen ihn in eine fensterlose Kerkerzelle. Als Reformer und barfüßiger Karmelit durfte er in der Zelle seine Füße nicht mit einer Decke bedecken, so dass ihm in den eisigen Nächten einige Zähen abfroren. Im Sommer war die Kerkerzelle unerträglich heiß. Frische Luft und Kleiderwechsel waren aber ebenso verboten wie ein Gespräch oder geistlicher Trost von einem Seelsorger. Seine Kleidung war angefault. Dreimal in der Woche durften die Gefangenen die Zelle zum Essen verlassen, die „Reumütigen“ unter ihnen aßen an Tischen, Johannes allein musste die Speise – Brot und manchmal eine Sardine – mit dem Mund, auf den Knien rutschend, vom Boden essen. Freitags wurden die abtrünnigen Mönche „diszipliniert“, wie man die Marter nannte, was damit endete, dass sie, im Kreise gehend, sich gegenseitig die Rücken mit einer Peitsche blutig schlugen. Nach neun für Körper und Geist qualvollen Monaten gelang Johannes schließlich die Flucht.

Trotz der Trostlosigkeit und Finsternis der Kerkermonate, ist diese Zeit in seinem Leben von höchster Bedeutung. Der reformierte Theologe Walter Nigg drückt es so aus: „Als Johannes jeglichen menschlichen Trostes beraubt war und niemand ihm nur ein gutes Wort gönnte, als er sich so verlassen vorkam, wie nur eine Seele in Einsamkeit sich vergessen fühlen kann, und die finsteren Schatten der Schwermut sich auf sein Gemüt niederzusenken begannen, als die Verzweiflung sich seiner zu bemächtigen drohte...“, machte er die Erfahrung einer ungeahnten Nähe Gottes. 

Johannes spracht mit Blick auf dieses Ereignis von der „dunklen Nacht der Seele“. Der Mystiker und Poet kam zu der Erkenntnis, dass die „dunkle Nacht “ dem Menschen zum Loslassen verhelfen kann. In Zeiten des Leids kann der Mensch lernen, alles herzugeben und auf nichts zu bauen, als Gott allein. Natürlich möchte Johannes mit diesem Deutungsversuch das Leid nicht relativieren. Und sicherlich gibt es viele Menschen, die ganz andere Erfahrungen machen. Die nichts spüren, von der Anwesenheit Gottes. Dennoch möchte Johannes uns ermutigen, nicht zu verzweifeln und darauf zu vertrauen, dass wir nicht tiefer fallen können als in Gottes Hand. 

In seinem Gedicht „Nada te turbe – Nichts soll dich verwirren ...“ (als Taizé Lied weltweit bekannt geworden)  lautet die letzte Zeile: „Sólo Dios basta“, im deutschen Sprachraum bekannt in der Übersetzung: „Gott allein genügt!“ Diese Übersetzung kann missverstanden werden. Nicht „Gott allein genügt“, sondern „Allein Gott genügt“, schreibt Johannes zu dem Vers.

Ich denke, man kann dieses kurze Gedicht durchaus als Ergänzung zu dem Ausruf in Hiob 19,25 verstehen. Es hat folgenden Wortlaut:

Nada te turbe,

nada te espante,

todo se pasa,

 

Dios no se muda.

La paciencia

todo lo alcanza.

 

Quien a Dios tiene

nada le falta.

Sólo Dios basta.

 

(dt. Übersetzung):

Nichts soll dich verwirren,

nichts dich erschrecken.

alles vergeht,

 

Gott ändert sich nicht.

Die Geduld

erlangt alles.

 

Wer Gott hat,

dem fehlt nichts.

Gott allein genügt.

Gottes Segen wünscht Ihnen

Pfr. Thomas Michael Kiesebrink