Andacht Februar 2015

zu Eph 4, 29 von

Ich schäme mich des Evangeliums nicht: Es ist eine Kraft Gottes, die jeden rettet, der glaubt. zu Eph 4, 29

Wie sieht einer aus, der so spricht? Oder anders gefragt: „Wie steht er da?“ Okay, der Satz wurde in einem Brief geschrieben. Trotzdem die Frage: „Wie steht er da?“ Ich stelle mir einen Menschen vor, der aufrecht dasteht, mit hoch erhobenem Haupte. Er spricht klar und deutlich. Es ist keine Überheblichkeit zu spüren, auch keine Verachtung für andere. Es ist ein ganz einfaches „So ist es und nicht anders!“. Genauso stelle ich mir auch Martin Luther auf dem Reichstag zu Worms vor „Hier stehe ich. Ich kann nicht anders! Gott helfe mir! Amen.“ (Ob er das jetzt wirklich gesagt hat oder ob die Aussage in den Bereich der Legende gehört, ist dabei völlig zweitrangig!) Ich schäme mich des Evangeliums nicht: Es ist eine Kraft Gottes, die jeden rettet, der glaubt. Scham ist eine ganz tiefe Emotion. Wir können sie nicht kontrollieren. Sie kommt einfach und ist da. Wann schämen wir uns? Doch dann, wenn wir uns bei etwas ertappt fühlen, von dem wir nicht wollen, dass es an die Öffentlichkeit kommt. Dann, wenn wir das Gefühl haben, wir haben versagt. Wir sind berechtigten oder auch vermeintlich berechtigten Erwartungen nicht gerecht geworden.

Um was ist es damals bei Paulus gegangen? Die christliche Gemeinde war anfangs noch eine recht kleine Gemeinschaft. Sie war unter Anderem verbalen Angriffen ausgesetzt. „Verflucht ist jeder, der am Holz hängt.“ Paulus zitiert in abgewandelter Form im Galaterbrief eine Stelle aus dem 5. Mosebrief. Wie soll er damit umgehen? Ich kann mir den hämischen Spott seiner nichtchristlichen Gegner gut vorstellen. „Was, und an so einen glaubst Du?“ Der Spott könnte auch aus einer anderen Richtung gekommen sein: „Was, du glaubst an einen Gott, der zulässt, dass sein eigener Sohn gekreuzigt wird!“

Hämischer Spott kann sehr wehtun. Paulus setzt dagegen: Ich schäme mich des Evangeliums nicht: es ist eine Kraft Gottes, die jeden rettet, der glaubt. Bei uns heute stört sich so gut wie fast niemand mehr am Kreuz. Wir sind es von Kindesbeinen an gewohnt, wenigstens hier in unserer Gegend. Da sind die Wegekreuze, die Kruzifixe in den Klassenzimmern und in den Krankenhäusern. Sollten wir den Monatsspruch also in die „theologische Mottenkiste“ packen?

Ich beobachte bei uns an einigen Stellen eine gewisse Scheu über den Glauben zu sprechen. Ist es die Unsicherheit, sich mit anderen über den eigenen christlichen Glauben auszutauschen oder auseinanderzusetzen? Oder eine gewisse Sprachlosigkeit? Es fehlen einfach die Worte? Verbirgt sich dahinter so etwas wie Scham? Ich möchte jetzt nicht die vollmundigen Worte des Paulus dagegen setzen, vermutlich würden diese eher verschrecken. Lassen Sie mich stattdessen anders formulieren: „Hej, Du brauchst dich nicht zurückzuziehen und verstecken. Gott nimmt dich an, so wie du bist. Er sagt ja zu dir als Mensch. Er liebt dich!“ Von anderen angenommen werden, einfach so, das tut gut. Für Menschen die glauben wollen, aber in ihrer Sprachlosigkeit gefangen sind, wäre das wohl wie Evangelium.

Daneben gibt es aber auch andere. Sie sind voller Spott. „Wer glaubt denn noch in einer ach so aufgeklärten Welt!“ Weniger spöttisch sind Sätze wie „Du glaubst doch nicht etwa!“. Sie legen ein „Aber natürlich nicht!“ nahe. Seit ich Pfarrerin bin, begegnen mir solche Sätze eigentlich nicht mehr direkt. Wenn ich aber manche Aussagen meiner Schüler höre, dann drängt sich mir der Verdacht auf, dass es sie immer noch gibt. Ich möchte meinen Schülern keinen Vorwurf machen. Sie plappern nach, was sie von anderen hören. Aussagen, die sie vielleicht verunsichern und ihnen einen eigenen Zugang zum Glauben erschweren und eine Offenheit dafür behindern.

Dann denke ich auch an die Haltung „Glaube ist so was wie ein Krückstock für die, die es nötig haben“. Wer glaubt ist also so etwas wie leicht behindert. Wer mag schon als behindert gelten?

Paulus zeigt uns einen Weg: Ich schäme mich des Evangeliums nicht: es ist eine Kraft Gottes, die jeden rettet, der glaubt. Dabei ist mir wichtig, diese Aussage weder trotzig noch überheblich zu hören oder zu sprechen. Trotz ermöglicht keinen Dialog. Er baut nur Mauern auf. Überheblich wäre mich für mich die Haltung: „Du Armer, hast es halt noch nicht begriffen!“ Nein, es ist einfach so. Ich habe für mich diese Kraftquelle entdeckt. Sie ist mir wichtig und ich werde sie nicht aufgeben, nur weil du sie für dich nicht annehmen willst.

Ich wünsche mir, dass wir alle, wenn wir mit solchen, ja angriffslustigen oder auch provozierenden Aussagen konfrontiert werden, ganz gelassen bleiben können. Dass wir dann vielleicht sogar mit einem Schmunzeln sagen können: „Ja, das mag deine Haltung sein, aber Ich schäme mich des Evangeliums nicht Es ist eine Kraft Gottes, die jeden rettet, der glaubt. Ich wünsche mir auch, dass wir Christen mutiger werden, wenn es darum geht zu bekennen, dass wir den Satz von Paulus als eigenes Bekenntnis sprechen können. Wie anders würde es dann jetzt bei uns aussehen - diese ganze Pegida-Diskussion wäre hinfällig. Fest im eigenen, christlichen Glauben stehend können wir einen konstruktiven, interreligiösen Dialog führen ohne irgendwelche Berührungsängste, dafür mit ausreichend Neugierde. Wir werden Erfahrungen machen, und ich bin zuversichtlich, dass es gute Erfahrungen sein werden, so wie in der Ökumene. Wer hätte sie vor 100 Jahren für möglich gehalten?

Gott gibt uns die nötige Kraft uns den nötigen Diskussionen zu stellen. Bei ihm finden wir den Rückhalt, den wir brauchen um uns in Frage stellen zu lassen und auch selbst zu hinterfragen. Wir brauchen keine Angst davor zu haben, wir könnten irgendwie soweit verunsichert werden, dass wir den Halt verlieren. Im Glauben haben wir eine Kraftquelle, die stärker ist als alle Anfechtungen. Darum: Ich schäme mich des Evangeliums nicht: es ist eine Kraft Gottes, die jeden rettet, der glaubt.

Pfarrerin Brigitte Haug, Kirchengemeinde Radolfzell

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