Andacht Januar 2016

zu 2. Timotheus 1, 7

 

„Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit“    (2. Tim. 1,7)

Manchmal habe ich Angst. Nicht unbedingt vor Terroranschlägen, wie in Paris. Diese Angst ist zum Glück noch sehr weit von meinem eigenen Leben entfernt. Obwohl mich die Anschläge, wie viele andere, natürlich nicht ganz unberührt gelassen haben. Neben dem Mitgefühl für die Menschen in Paris, neben der Ohnmacht und der Wut wächst durch solche Anschläge immer auch ein Grundgefühl der Angst. Da ist etwas, das nicht beherrschbar scheint, das unvermittelt in mein Leben einbrechen kann und alles verändert. Doch zum Glück ist dieses diffuse Gefühl der Angst im Augenblick noch sehr weit im Hintergrund meines Lebens verborgen. Angst habe ich eher vor den kleinen Dingen. Vor manchen Tieren zum Beispiel: Hunde, vor allem kleine, die kläffen, gehören dazu, seitdem ich einmal von einem solchen Hund gebissen wurde. Auch vor Pferden habe ich einen natürlichen Respekt. Und um manche Menschen habe ich Angst. Es gibt ein Gedicht von Bertolt Brecht, in dem es heißt:

„Der, den ich liebe
 Hat mir gesagt
 Dass er mich braucht.
 Darum
 Gebe ich auf mich acht
 Sehe auf meinen Weg
 und fürchte mich vor jedem Regentropfen
 Dass er mich erschlagen könnte.“

Angst zu haben, muss nicht immer etwas Schlechtes sein. Angst ist für mich vielmehr ein Zeichen des Lebens. Denn Leben heißt auch immer, mit Ängsten zu leben. Darum habe ich vielleicht auch am meisten Angst vor den Leuten, die angeblich keine Angst haben. Weil sie vor dem Leben keinen Respekt haben. Und solchen Menschen ist alles zuzutrauen.

Trotzdem ist Angst ein schlechter Ratgeber. Vor allem, wenn sie zu mehr wird, als nur zu dem, was uns wach und aufmerksam sein lässt. Wenn die Angst anfängt, nach und nach die Zügel in unserem Leben zu übernehmen und mit uns und unserem Leben auf und davon reitet, so dass plötzlich nicht mehr wir im Sattel unseres Lebens sitzen, sondern wir Getriebene unsere Ängste sind. Das ist in der Politik so, im Straßenverkehr und auch im eigenen Leben. Zuviel Angst tut uns Menschen nicht gut.

„Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht...“, so heißt es ganz lapidar in dem Bibelvers für diesen Monat Januar. Die Worte klingen einfach, geradezu unaufgeregt. Aber vielleicht können sie ja gerade so den Ängsten in uns etwas ganz Eigenes entgegensetzen. Indem sie nicht in den Chor der Angst, der Aufgeregtheit, der immer größer werdenden Panik einstimmen, sondern ganz ruhig bleiben und der Angst ins Auge blicken.

Mit dem Geist der Kraft

Wer Kraft hat, kann etwas tun. Kraft ist die Fähigkeit, etwas zu bewirken. Vielleicht hilft sie auch deswegen so gut gegen die Angst. Weil sie uns aus dem Gefühl des Ausgeliefertseins herausholt und uns dazu bringt, selbst etwas zu unternehmen. Dazu braucht es manchmal gar nicht viel. In vielen Städten gibt es momentan sogenannte „Internationale Cafés“, in denen Kirchen ihre Räume für die Begegnung mit Flüchtlingen öffnen. Die Menschen, die in Deutschland Asyl suchen, freuen sich an der Möglichkeit, ihren oft beengten Räumlichkeiten in den Turnhallen oder Zelten für eine kurze Zeit entfliehen zu können. Und noch mehr freuen sie sich über Menschen, mit denen sie reden können. Oft mit Händen und Füßen. Aber sie können ihnen etwas von ihrem Leben erzählen, oder auch das eine oder andere Wort der für sie neuen Sprache lernen. Und für alle „Inländer“ sind diese Cafés eine einfache Möglichkeit einer ersten Begegnung, in der sich diffuse Ängste ganz leicht abbauen lassen. Weil aus „Massen“ von Flüchtlingen plötzlich einzelne Gesichter werden. Gesichter, die lachen, die eine eigene Geschichte haben, die geprägt ist von Leid und Flucht.

Mit dem Geist der Liebe

Was ist Liebe? Sie ist zum einen das wohl größte Gefühl, zu dem wir Menschen fähig sind. Zum anderen aber ist sie wohl auch das am Schwierigsten zu beschreibende Gefühl. Fast alles haben Menschen angeblich schon aus Liebe heraus unternommen. Große Dinge, aber auch schreckliche Dinge. Darum lohnt sich bei der Liebe das genauere Hinsehen. Damit die Liebe im Gefühlsüberschwang, der mit ihr verbunden ist, nicht für ganz andere Zwecke missbraucht wird. In der Bibel heißt es an einer Stelle, dass Gott Liebe ist (I. Joh. 4,16). Ganz ähnlich hat der Reformator Martin Luther Gott einmal einen „Backofen voller Liebe“ genannt. Das heißt, in Gott können wir Menschen eine Quelle der Liebe finden, aus der wir immer wieder neu schöpfen können. Und wie sieht diese Liebe aus? Vielleicht ein wenig so, wie Jesus sie gelebt hat: voller Barmherzigkeit und Wärme, voller Offenheit, aber auch einmal mit einem „Nein“. Mit manchen Rückzugsmöglichkeiten (von Jesus wird erzählt, dass er sich immer wieder zum Beten in die Einsamkeit zurückgezogen hat), aber dann auch wieder auf Menschen zugehend. Aber auf jeden Fall so, dass sie das Leben von innen heraus verwandelt. Und so der Angst den Boden entzieht.

Und dem Geist der Besonnenheit.

Besonnenheit, das Wort hört sich fast ein wenig langweilig an. Wer möchte schon besonnen sein? Das klingt nach einem Spielverderber, einer Spaßbremse. Und doch taucht es hier auf. Was ist Besonnenheit? Man könnte Besonnenheit als die Fähigkeit beschreiben, über sein eigenes Handeln nachzudenken, und zwar bevor man etwas unternimmt. Besonnenheit hilft also, nicht blind aus dem Affekt heraus zu handeln, sondern zuerst eine kurze Verschnaufpause einzulegen, in der man zur „Besinnung“ kommen kann. Denn nur so kann man danach auch „besonnen“ handeln. So verstanden hört sich Besonnenheit plötzlich gar nicht mehr altmodisch an. Eher gut. Weil Besonnenheit uns hilft, das zu tun, was wir wirklich tun wollen. Und unser Leben so auf eine andere Spur kommt, in der wir selbst die Verantwortung für unser Leben übernehmen. Besonnen lassen sich manche Konflikte einfacher lösen. Und wer sich besinnt, findet auch viel schneller heraus, was für das eigene Leben im Moment wirklich wesentlich ist. Und kann dann auch danach handeln. Ohne Angst.

„Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit“, so heißt es in dem Monatsspruch für den Januar, mit dem dieses neue Jahr 2016 beginnt. Möge Gott Sie mit seinem Geist berühren, so dass seine Kraft, seine Liebe und seine Besonnenheit Sie durch dieses Jahr tragen und es für Sie ein gutes Jahr wird.
Pfarrer Paul Wassmer, Bonhoeffergemeinde Singen

Tageslosung zum 04.04.2020

Warum sollen die Heiden sagen: Wo ist denn ihr Gott? Unser Gott ist im Himmel; er kann schaffen, was er will.
Psalm 115,2.3

Gottes unsichtbares Wesen - das ist seine ewige Kraft und Gottheit - wird seit der Schöpfung der Welt, wenn man es wahrnimmt, ersehen an seinen Werken.
Römer 1,20

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Wochenandachten

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Andacht April 2020

„Es wird gesät verweslich und wird auferstehen unverweslich.“ 1 Korinther Kap. 15 Vers 42

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