Andacht Mai 2016

zu 1. Korinther 6, 19 von

Wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des heiligen Geistes ist, der in euch wohnt und den ihr von Gott habt? Ihr gehört nicht euch selbst.  1. Kor 6,19

Mein Leib ein Tempel? Mein Körper ein Heiligtum?
Das klingt irgendwie ziemlich zeitgenössisch. Wie viele Körper werden morgens gründlich hergerichtet? Geduscht, gesalbt, gekämmt, besprüht, fein bemalt, sorgsam gekleidet? Wie viele Kleidungsstücke werden mit Bedacht angelegt um den Körper zur Geltung zu bringen – manche Körperpartien sollen darunter verborgen sein, andere sollen hervortreten. Chirurgische Kliniken, Betreiber von Fitnessstudios, Anbieter von Fastenkuren, Dopinglabore und viele andere leben davon, dass in unserem Kulturkreis Körper (um)gestaltet werden, in eine möglichst ideale und leistungsfähige Form gebracht werden.
Körper sind Kultgegenstände.
Menschen mögen es, wenn ihre Körper gefallen, wenn sie bestaunt werden.
Was aber, wenn eines Tages doch der Putz ein wenig bröckelt und das Bindegewebe nicht mehr so ganz elastisch ist? Lasse ich mir dann einreden, mein Körper sei nur noch eine Ruine? Wie ein Denkmal, das an eine vergangene glorreiche Epoche erinnert, an dem der Zahn der Zeit nun aber erkennbar nagt?

In Korinth gab es seinerzeit zwar noch keine Schönheitsoperationen, aber der Umgang mit dem eigenen Körper gab auch damals schon Anlass für Diskussionen. „Anything goes“ – alles ist erlaubt! Das war die Überzeugung einer großen Gruppe von Gemeindegliedern. Sie beriefen sich darauf, dass sie derart vom Heiligen Geist Gottes erfüllt seien, dass ihnen keinerlei weltlich-irdische Grenze mehr gesetzt sei. Alles, was den Körper beträfe, so glaubten sie, rühre nicht an das geheiligte und erlöste innere Wesen des Menschen. Und so lebten sie entsprechend. „Anything goes“ – das äußerte sich unter anderem in einer ausschweifenden Sexualität, die sich keinen Regeln mehr zu unterwerfen brauchte.

Daneben gab es die anderen, die sich mit derselben Begründung für eine exakt andere Lebensführung entschieden hatten. „Nothing goes“ – sozusagen. Sie glaubten, wer ganz und gar vom Geist Gottes erfüllt sei, müsse seinen Körper und seine Körperlichkeit komplett verleugnen, hinter sich lassen, vom „echten“ Wesen des Menschen abtrennen. Sie lebten folglich extrem enthaltsam, körperlos gewissermaßen. Im Gegensatz zu der ersten Gruppe galt ihnen jegliche Form von Sexualität als Gräuel. Lust und leibliches Bedürfnis waren für sie ein Ausdruck tiefer Gottlosigkeit.

Was beide zeitgenössischen Gruppen bei aller Unterschiedlichkeit verband, war ein Körperverständnis, das sich in der Folge der griechischen Philosophie des Plato entwickelt hatte. Den Platonikern galt der Körper nicht viel. Er war lediglich Ort, Wohnort oder besser noch: Aufenthaltsort des göttlichen Lichtfünkleins, das jeden einzelnen Menschen ausmacht. Der Körper galt sozusagen als Gefäß für die Göttlichkeit, als irdisches Vehikel für die himmlische Seele, die länger und weiter und größer existiert als ein mickriges Erdenleben lang.

Paulus wendet sich an beide Gruppen. Er billigt ihnen zu, dass sie sich als Geistbegabte, als Begnadete und Erlöste verstehen durften – sie waren ja nun getaufte Christen.
Paulus korrigiert aber gleichzeitig das daraus abgeleitete Körperverständnis: Den Enthusiasten, den Körperverliebten, der hemmungslosen „Wellness“-Fraktion unter den Korinthern rät er zur Mäßigung. Den Asketen, den Körperverleugnern, den Verkniffenen und Verklemmten rät er dagegen zur Entspannung.
„Euer Leib ist ein Tempel des Heiligen Geistes, der in euch wohnt“ – das heißt für Paulus in Abgrenzung zur zeitgenössischen griechischen Vorstellung: euer Körper ist nicht nur ein zeitlich befristeter Aufenthaltsort und ein schlichtes Gefäß des Heiligen Geistes, sondern er ist in vollem Umfang ein Ort der Begegnung mit dem Geist Gottes.
Der Heilige Geist Gottes  hat nach biblischem Verständnis durchaus eine leibliche Dimension. Der Geist Gottes ist nicht nur theoretisch zu haben oder als philosophisches Phänomen zu denken. Wer vom Geist Gottes berührt und erfüllt ist, soll das in all seiner Körperlichkeit spüren lassen und zeigen.  Wer vom Geist Gottes erfüllt ist, darf tanzen und springen und jubeln und toben. Und lieben.
Er darf aber genauso Verzicht üben und fasten, sich zurückziehen und meditieren.
Was ich mit meinem Körper tue – so verstehe ich Paulus – ist Gottesdienst. Wie ich mit meinem Körper – und mit dem Körper der anderen – umgehe, ist einzig und allein dem Maßstab der Freiheit und der Verantwortung der Geschöpfe Gottes unterworfen. „Ihr gehört nicht euch selbst“ – so schreibt Paulus.

Mein Körper ist mir anvertraut mit all seinen Möglichkeiten. Ich habe als Kind Gottes die Freiheit und die Verantwortung mit ihm umzugehen – mir zur Freude, den Menschen (und der Welt) zum Nutzen und Gott zum Lob.
In dieser geistlichen Freiheit darf und muss ich mich um meinen Körper kümmern – ich darf ihn trainieren und stärken und mich mit anderen Körpern messen, ich darf ihn pflegen und ihn schön kleiden, ich darf ihn mit leckeren Speisen und wohlschmeckenden Getränken verwöhnen. Und ich darf in der Begegnung mit einem anderen Körper ein Stück vom Himmel auf Erden spüren.

Schließlich: Ich darf dabei nie vergessen, dass es Menschen gibt, die auf meine praktisch-körperliche und nicht nur auf meine geistlich-theoretische Zuwendung angewiesen sind. Auch dort, wo Hungernde gesättigt werden, wo Flüchtende beherbergt werden, wo Kranke gesalbt und Trauernde in den Arm genommen werden, geschieht Gottesdienst im Alltag der Welt – geistreich und leibhaftig.

Pfarrer Martin Lilje, Schuldekan

{jcomments on}

Gedanken zur Tageslosung vom 09.04.2020

Lasst uns gehen, den Herrn anzuflehen und zu suchen den Herrn Zebaoth; wir wollen mit euch gehen. Sacharja 8,21

Als sie den Lobgesang gesungen hatten, gingen sie hinaus an den Ölberg. Markus 14,26

Weiterlesen...

Wochenandachten

Wochenandachten

Andacht April 2020

„Es wird gesät verweslich und wird auferstehen unverweslich.“ 1 Korinther Kap. 15 Vers 42

Weiterlesen...