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Tanzen am Karfreitag? Ein kritischer Zwischenruf
Ausgelassenes Feiern, volle Tanzflächen, dröhnende Bässe – all das ist in Baden-Württemberg von Gründonnerstag, 18 Uhr, bis Karsamstag, 20 Uhr, verboten. So regelt es das Feiertagsgesetz des Landes.

Die Giordano Bruno Stiftung möchte mit einer Tanzveranstaltung dagegen angehen. Ich wurde gefragt, eine Stellungnahme dazu abzugeben, die gestern im Südkurier erschienen ist.
Hier ist sie in voller Länge - abgestimmt mit dem ganzen Dekanatsteam.

Karfreitag – Ein Tag der Besinnung und Reflexion

1. Ist es noch angemessen, dass die ganze Gesellschaft an Karfreitag den Stilleschutz wahrt?
Karfreitag ist viel mehr als ein überholtes christliches Ritual der Kirchen! In einer Welt, die von ständiger Hektik und Lärm durchdrungen ist, bietet der Feiertag eine seltene Gelegenheit zur Ruhe und Besinnung. Karfreitag nimmt den Tod aller leidenden und sterbenden Menschen nicht nur ernst, sondern legt ihnen auch einen Sinn bei. So betrachtet dient der besondere Stilleschutz nicht nur Christen, sondern kann auch säkulare Menschen dazu einladen, innezuhalten und über grundlegende Fragen des Lebens nachzudenken. Leiden, Tod und Erlösung sind ja Themen, die uns alle betreffen und angesichts der weltpolitischen Lage eine besondere Beachtung verdienen. Zugegebenermaßen ist Karfreitag ein sperriger Feiertag, der aber daran erinnert, dass das Leben nicht nur aus Vergnügen oder Konsum besteht, sondern eben auch aus Momenten des Leids und des Sterbens. Die Reflexion über die eigene Endlichkeit und Verantwortung halte ich für unverzichtbar. Der gesetzliche Schutz dieses Tages bewahrt einen Raum für Stille, der in unserer Gesellschaft immer seltener wird.

2. Geht das Gedenken an Leiden und Tod Jesu die gesamte Gesellschaft an?
Menschen, die an den gekreuzigten Christus glauben, nehmen diesen Tag als Kern ihres Glaubens wahr. Aus meiner Sicht hat das Leiden und Sterben Jesu Christi aber auch eine Bedeutung, die über den christlichen Glauben hinausreicht. Es symbolisiert Mitgefühl, Opferbereitschaft und auch die Hoffnung auf Erlösung – Werte, die einen universellen Charakter haben. Auch wenn nicht alle im christlichen Glauben beheimatet sind oder sich als gläubig beschreiben würden, kann die Geschichte Jesu doch als Inspiration dienen, sich mit Fragen von Gerechtigkeit, Vergebung und Menschlichkeit auseinanderzusetzen. Dieser Feiertag ist Gottes Kampfansage gegen illegitime und willkürliche Gewaltausübung. In einer säkularen Gesellschaft ist so ein Gedenken nicht verpflichtend, doch es bietet einen wertvollen Impuls, um über die gemeinschaftlichen Werte unserer Gesellschaft nachzudenken, die ja durchaus christliche Wurzeln haben.

3. Was verbinden Sie in der Funktion als Dekan mit diesem Tag?
Karfreitag ist der höchste evangelische Feiertag. In meinem Theologiestudiums ist es unserem Professor gelungen, uns die Tiefe des Geschehens an Karfreitag zu erschließen. Die Jesus-Biographen (Evangelien) berichten ausführlich und detailreich über die letzten Stunden im Leben Jesu. Dabei wird die elementare Verbindung mit dem großen jüdischen Versöhnungstag (Jom Kippur, vgl. 3. Mose 16) deutlich, der die Beziehung zwischen Mensch und Gott heilte. Karfreitag lädt uns dazu ein, über die eigene Fehlerhaftigkeit und Zerbrechlichkeit nachzudenken und im Abendmahl Gottes Vergebungszuspruch zu erfahren.
Besonders bewegend war für mich in den letzten Jahren die „Tenebrae Feier“ (lat. Finsternis) am Karfreitag, die dazu einlädt, den Weg Jesu nachzuempfinden. Man verlässt nach einigen Lesungen die Kirche in Dunkelheit und Schweigen. Am Ostermorgen versammelt sich die Gemeinde dann erneut in der Dunkelheit und erfährt mit dem Osterlicht, das weitergereicht wird, dass Gottes Liebe stärker ist als der Tod. Das ist unglaublich berührend und macht mir jedes Jahr deutlich, wie groß Gottes heilsbringebde Liebe reicht. Mitten hinein in unsere Zeit und in mein Leben.

Karfreitag ist für mich daher ein einmaliges Angebot, um über das eigene Leben in Stille zu reflektieren. Eine wohltuende Unterbrechung in einer immer-lauten Gesellschaft, die weitgehend verlernt hat still zu sein und sich mit den großen Fragen des Lebens auseinanderzusetzen. Diesen Feiertag zu streichen bedeutet daher nicht, ein Privileg der Kirchen zum Verschwinden zu bringen, sondern den Verlust eines zentralen Tages des Gedächtnisses an die Leiden und Zerrissenheit unseres Lebens und unserer Zeit.
Informationen:
bis