Deine Treue ist groß

Deine Treue ist groß

Die Güte des HERRN ist's, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß. Klagelieder 3,22-23

Auf einmal wird es persönlich. Jeremia wechselt von der unpersönlichen dritten Person zur persönlichen Ansprache: zum Du. „Deine Treue ist groß“., sagt er zu Gott. Nachdem er vorher mehr oder weniger über die Güte des Herrn und seine Barmherzigkeit doziert oder philosophiert. Dem kann man zustimmen oder auch nicht.

Es ist nicht nötig; sich persönlich zu involvieren. Ich muss mich nicht entscheiden, ob ich das auch so sehe oder ob ich eine andere Meinung zur Güte und Barmherzigkeit Gottes habe. Aber wenn einer wie Jeremia zu Gott sagt: “Deine Treue ist groß.“, dann geht er damit aus der Deckung. Und zwingt mich damit ebenfalls aus der Deckung zu gehen.

Kann ich das auch so sagen? Das fällt mir schwer. Zumal ich schnell enttäuscht bin. Die hohen Ansprüche, die ich an andere stelle, werden meistens nicht erfüllt. „Deine Treue ist groß“. Das habe ich, glaube ich, noch zu keinem Menschen gesagt. Und das nicht von ungefähr. Ich weiß, dass ich mich auf meine Mitmenschen nicht immer verlassen kann. Und einer meiner Lieblingssprüche lautet: „Wenn man nicht alles selber macht…“

Aber alles kann ich dann auch nicht selbst bewerkstelligen. Mit meiner Behinderung sowieso nicht. Ich bin manchmal auf Hilfe angewiesen. Von anderen Menschen, aber auch von Gott.

Und wie oft könnte ich zu Gott sagen: „Deine Treue ist groß“? Bestimmt öfters als ich das tue.

Jeden Morgen, wenn ich nach einer schlechten Nacht wieder aufstehe und das Sonnenlicht sehe, könnte ich sagen: Deine Treue ist groß, Gott.

Jeden Mittag, wenn das dampfende Essen vor mir auf dem Tisch steht, könnte ich sagen: Deine Treue ist groß, Gott.

Jeden Abend, wenn mein Auto unbeschädigt auf dem Parkplatz steht und ich unverletzt aussteige, könnte ich sagen: Deine Treue ist groß, Gott.

Jede Nacht, wenn ich nicht von schweren Träumen heimgesucht werde und schlafen kann, könnte ich sagen: Deine Treue ist groß, Gott.

Ich mache das meistens nicht. Aber ich arbeite daran. Daran, dass ich von der unpersönlichen dritten Person zur persönlichen Ansprache an Gott gelange.

Dass ich wie der Beter der Klagelieder sagen kann: Die Güte des HERRN ist's, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß.

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