Gott macht es uns nicht leicht. „Wem sagst Du das?!“ bin ich versucht, Jeremia zu antworten. Viele Menschen erleben Gott heute doch – wenn überhaupt – als fernen Gott. Was genau will der Prophet den Menschen sagen?
Er wendet sich gegen eine falsche Vereinnahmung Gottes. Gegen eine Haltung der Menschen im Juda seiner Zeit, die meinte, weil Gott bei ihnen sei, könnten sie tun und lassen, was sie wollten, und es könne ihnen nichts passieren. Jeremia äfft in seiner Tempelrede diese Haltung nach: „Hier ist der Tempel des Herrn, hier ist der Tempel des Herrn, hier ist der Tempel des Herrn!“ Und er hält dagegen, dass die Menschen Verantwortung für ihr Tun übernehmen müssen. Sie sollen Gerechtigkeit und Barmherzigkeit gegenüber den Schwachen üben. Einem Zusammenbruch der Gesellschaft, der die Folge des Fehlverhaltens der Menschen – vor allem der Mächtigen – ist, wird Gott sich nicht in den Weg stellen. Er bleibt der unverfügbare, freie und lebendige Gott. Wir Menschen werden nicht aus unserer Verantwortung entlassen.
Der ganze Abschnitt, aus dem der Monatsspruch genommen ist, wendet sich gegen falsche Propheten. Diese bestärken die Frevler in ihrem widergöttlichen Tun, anstatt das Volk zur Umkehr von seinen Irrwegen aufzurufen. Das Bild vom fernen Gott steht hier dafür, dass Gott aus der Ferne den Überblick behält. „Meinst du, dass sich jemand so heimlich verbergen könne, dass ich ihn nicht sehe?", spricht der Herr. "Bin ich es nicht, der Himmel und Erde erfüllt?“ Dieser Vers schließt sich direkt an den Monatsspruch an. Propheten haben die Aufgabe, dem Volk den Willen Gottes auszurichten. Der Ausbeutung von Mensch und Natur ein ethisches Mäntelchen umzuhängen und zu sagen, dass sei für Gott schon so in Ordnung, ist genau das Gegenteil davon. Daher rührt auch der Zorn, der die Rede gegen die Propheten in Jer 23 prägt.
Ein paar Kapitel weiter wird eine konkrete Botschaft der falschen Propheten genannt. Sie sagen, die Besatzung Judas durch die Babylonier werde in kurzer Zeit vorbei sein, und verleugnen damit die Realität. Sie sagen, Gott werde einen Angriff gegen die Babylonier zum Erfolg führen. Damit reden sie den Herrschenden und dem Volk nach dem Mund. Modern gesprochen erweisen sie sich als Populisten.
Aktuell sehnen sich viele Menschen nach Sicherheit – ich auch. Aber die Versprechen, durch Verschärfungen in der Migrationspolitik könne diese erreicht werden, gehen an der Realität vorbei. Zur Wahrheit gehört, dass eine offene Gesellschaft nicht jedes Risiko unterbinden kann. Sicherheit kann gestärkt werden, gehört aber letztlich auch zum Unverfügbaren. Die Aufgabe von Propheten ist es, auch unbequeme Wahrheiten auszusprechen.
Und genau im Beharren darauf, dass Gott unverfügbar bleibt und auch fern sein kann, liegt auch ein Stück Verheißung. Jeremia hatte den Aufstand gegen die Babylonier nicht verhindern können. Der König hatte sich von den Versprechungen der falschen Propheten blenden lassen. In der Folge war der Staat Juda ausgelöscht und wichtige Teile der Bevölkerung für lange Zeit nach Babel verschleppt worden. Die Menschen fragten sich, ob Gott sie verlassen habe, ob nicht die Götter der Babylonier die wahren Götter seien. Die wahren Propheten hielten dagegen: Gott ist und bleibt Gott, auch wenn er fern zu sein scheint. Gott hält an seinem Volk auch durch die Katastrophe hindurch fest. Er gibt den Seinen die Chance zum Neuanfang. Nach 70 Jahren der Verbannung gab es eine Rückkehr für Juda. Gott steht zu uns auch in der Krise. Er ist der ferne und der nahe Gott.