Ich mache mit meinen SchülerInnen ein Experiment. Wir legen mitten in der Aula einen Punkt fest: Konstanz. Wir sammeln uns um diesen Punkt. Das ist unser Lebensmittelpunkt.
Dann entfernen sich alle Personen, die nicht in Konstanz geboren sind, entsprechend etwas von diesem Mittelpunkt. Manche bleiben ganz nah, weil sie in Kreuzlingen oder Singen auf die Welt gekommen sind. Aber schon in dieser ersten Runde sind Entfernungen spürbar: einige stammen wie ich irgendwo aus Baden-Württemberg, aber einige sind weit entfernt geboren. Der Abstand untereinander wächst. Als nächstes stellen wir die Entfernungen der Geburtsorte der Eltern dar; dieDistanzen vom Mittelpunkt Konstanz überschreiten dabei längst die GrenzenDeutschlands: Italien, Spanien, Griechenland, Litauen, Russland, Kroatien, Serbien, Kosovo, Tunesien, Türkei, usw. Spätestens bei der Generation derGroßeltern ist mehr oder weniger der ganze Erdkreis abgebildet. In der Aula wird das sinnbildlich erfahrbar, weil manche die anderen gar nicht mehr genau hören können.
Deutschland ist seit dem Ende des 30-jährigen Krieges ein Einwanderungsland. 30 % derMenschen, die in Deutschland leben, kennen in ihrer Familie Migrationserfahrungen. Und längst nicht alle von ihnen fühlen sich derzeit in unserem Land wohl. Bedenklich finde ich dabei die latente Gleichsetzung von migrantisch = muslimisch =gefährlich.
Das biblische Losungswort für den Monat März spricht in diese Situation. „Wenn bei Dir ein Fremder in eurem Land lebt, sollt ihr ihn nicht unterdrücken.“ (Lev 19,33). Zuletzt hat die amerikanische Bischöfin Budde darauf Bezug genommen und die pauschale Verunglimpfung von “Fremden” verurteilt.
Der Vers aus dem sog. Heiligkeitsgesetz erinnert an die Grunderfahrung der Israeliten: Sie waren Fremde; als Sklaven waren sie in Ägypten ausgebeutet worden. Gott hatte sie befreit. Die Gruppe von Exilanten damals war nicht homogen, sondern einzusammengewürfelter Haufen. Sie waren Fremde in Ägypten gewesen und auch untereinander fremd. Und kamen in ein Land, in dem ebenfalls für sie Fremde lebten.
Sie mussten lernen, sich zu arrangieren.
Es brauchte offenbar die Wüstenwanderung um sich als Gruppe zu konsolidieren. In der intensiven Begegnung mit ihrem Gott, ihrem Befreier, entwickelten sie das Gespür für Identität und für Gerechtigkeit. Sie hatten im Ohr – und wir haben es schriftlich: die Würde, die Heiligkeit des Volkes Gottes hängt daran, mit welcher Würde andere Menschen und andere Völker betrachtet und behandelt werden.Der Theologieprofessor Ottmar Fuchs benennt die Herausforderung, wenn man zu den „Besitzenden“ gehört und nicht mehr in Not ist: Gott hat uns beschenkt, mit Freiheit, mit Rechten, mit dem Land. Und dieses Land ist, weil es selber ein Geschenk Gottes ist, auch mit dieser Intention zu gebrauchen und damit weiter zu schenken. Das Eigene ist immer verdankt.